„arse moriendi“ oder: die Kunst zu Sterben

Das Portfolio-Heft „arse moriendi I“, bestehend aus insgesamt 6 Heliogravür-Drucken, dem Buchdruck der Gedichte sowie einem Schutzumschlag, erscheint in einer Auflage von 30 signierten und nummerierten Exemplaren.

 

 

Die Heliogravüren der Serie “arse moriendi” stellen außergewöhnliche Bühnenbilder dar, so genannte tableaux vivants (“lebendige Bilder”), deren Ursprung aus der Zeit des Übergangs von Mittelalter zu Neuzeit stammt. Verorten lässt sich dieses faszinierende Kulturphänomen an den Burgundischen Hof des Fürsten Karl dem Kühnen (1433 – 1477), einem der reichsten und schillernsten Herrscher Europas. Man pflegte dort bei den üblicherweise stundenlangen Banketten häufig d´un mets à un autre mets – „zwischen den Gängen“ – zur allgemeinen Erbauung kunstvolle, mechanisch bewegte Bilder darzubieten, entremets genannt, in denen die Vergänglichkeit und die Idee des Sterbens zentrales Thema waren. Diese memento mori illustrieren ein Verhältnis zum Tod, das – noch – ein Spielerisches, Natürliches war.

 

Ach ! und Weh ! Mord ! Zeter ! Jammer !
Angst ! Kreuz ! Marter ! Wuerme ! Plagen !
Pech ! Folter ! Hencker ! Flamm !
Stanck ! Geister ! Kaelte ! Zagen !

 Andreas Gryphius, Die Hölle, 1663

 

 

 

Mit dieser frivolen Serie will ich die vergessene Festkultur, das Sterben zu zelebrieren, wieder auferstehen machen  – in Form amüsanter, ironischer entremets, wie man sie vielleicht im 15. Jahrhundert, am Hofe Karls, hätte bestaunen können.
Inspiriert vom Buch des französischen Mediävisten Philippe Ariès „Geschichte des Todes“ – insbesondere den darin enthaltenen Sprüchen, Stoßseufzern und Bonmots, die ich in den Grafiken zitiere – will ich veranschaulichen, dass der Tod nicht nur Ende und Verfall, nicht nur gefürchteter und unheimlicher Feind sein muss, sondern wie im Mittelalter auch als Übergang, vertrauter Weggefährte und inhärenter Teil unseres Lebens begriffen werden kann beziehungsweise sollte.

 

In dieser Stunde also soll er auf dem Rad gestrecket und an seine Füße sollen zwei Eisen gehänget werden,
die sehr groß sein sollen.
In dem man ihm so mit aller Gewalt die Eingeweide herausziehet.
Daß man ihm die Zunge mit einem Messer abschneide und ihm danach, genau wie einem Kalbe, die Haut abziehe.
Virey de Gravier

 

Meine Beschäftigung mit diesem Thema, bzw. seiner Verdrängung aus dem öffentlichen Bewusstsein, begann bei mir spätestens mit dem plötzlichen Tod meines Vaters. 14-jährig, beobachtete ich die verschiedenen Reaktionen, und der Wunsch seiner Mutter, ihn stehend, geschminkt und präpariert, aufzubahren, diese Öffentlichkeit hinterließ einen tiefen, in gewisser Weise beruhigenden Eindruck bei mir. Vollkommen anders das 10 Jahre darauf folgende Hinsiechen und Sterben meiner Freunde und Bekannten, die sich mit dem HI-Virus infiziert hatten: eine beklemmende Unkultur des Versteckens und der tiefen Scham nahm ihnen ihre Integrität. Ihr Tod war ihnen gestohlen worden, wie Ariès es ausdrückt.

 

Sterben müßt Ihr, das ist sich’re Sache.
Zurückzuweichen bringt Euch nichts;
erfreut Euch Eures Todes,
erlöst er doch von großer Sorge.
Tretet nur näher, ich wart’ auf Euch –
Falsch ist’s, ewiges Leben zu erhoffen.

(Unbekannt)

 

 

Die Singularität meines hier vorgestellten Grafik-Projektes erklärt sich sowohl aus dem von mir gewählten Sujet der Arbeit, der Illustration der „Kunst des Sterbens,“ als auch aus der dafür benutzten Drucktechnik, der Heliogravüre, einem nur noch sehr selten verwendeten Verfahren zur Herstellung von Tiefdruckplatten.
Die anspruchsvolle, ja edle Technik der Heliogravüre – von helios (gr.): die Sonne – ist ein fotomechanisch erzeugter Kupferdruck, der eine exakte und hochwertige Wiedergabe von Halbtönen ermöglicht. Die so entstehenden Originalgrafiken zeichnen sich durch die Wärme und Fülle ihrer Farbtöne und den typischen, eingedrückten Plattenrand aus.

 

Wenn ich die Totenschädel alle so betrachte,
Die hier im Beinhaus ruh’n, zu Haufen aufgeschichtet,
Und überlege, was ein jeder trieb und machte,
Als  er noch lebend war und nicht so zugerichtet,
So dünkt es mich, sie waren Männer allesamt
Von hohem Stande, wohlverseh’n mit Ehren, Würde, Amt.

Ob Bischof einer war, Landstörzer oder Schmied,
Hier gibt es zwischen hoch und niedrig keinen Unterschied.

 

Die Ausarbeitung der Serie „arse moriendi“ ist mit einem beträchtlichen Arbeitsaufwand verbunden. Zur Herstellung der Grafiken müssen die von mir angefertigten Zeichnungen zunächst im Lithostudio „farbgetrennt“ werden (CMYK-Verfahren). Die so entstandenen, originalgroßen Halbton-Filme werden auf fotosensibilisierte Kupferplatten – jeweils eine Platte für Cyan, Magenta, Gelb, Schwarz und Gold – übertragen und im schwierigen Mehrbadverfahren geätzt. In manchen Fällen werden die Platten vor dem Druck noch mit Kaltnadel, Roulette oder Schaber perfektioniert. Anschließend entsteht die Grafik, indem die fünf Kupferplatten von Hand eingeschwärzt und passgenau übereinander gedruckt werden. Man kann daher sagen, dass jedes Blatt de facto ein Unikat darstellt.

 

Ha! Wie jäh und tückisch hat das Alter mich befallen,
mich, ehemals das schönste von den Mädchen allen !
Wer kann mich zwingen, daß ich noch am Leben bleibe ?
Wer hält mich ab davon, daß ich mich endlich selbst entleibe?

 


Pierre de Nesson

 

In Zeiten der Digitalisierung mag auf Manchen ein so aufwändiges Handwerk nicht mehr zeitgerecht wirken. Diese Problematik wurde vor ein paar Monaten bei einem von mir moderierten Künstlergespräch anlässlich der Grafikausstellung „Unter Druck“ im Verein Berliner Künstler angesprochen. Schnell konzentrierte sich die Diskussion auf die Idee der Aura, die solch anspruchsvolle Drucke ausstrahlen, die Individualität eines jeden Abzuges im Gegensatz zur absoluten Gleichheit, Uniformität digital reproduzierter Abbildungen.
Es ist wohl das Gefühl des direkten Eingriffes der menschlichen Hand, im wahrsten Sinne: das Handwerk, in enger Verbindung mit der künstlerischen Vorlage, welches die Besonderheit dieses Mediums darstellt, und mir das geeignetste schien, das Thema der Serie zu illustrieren.

 

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