Constantínos Cavafís

Cavafís, dieser zutiefst Griechische Dichter, hat nie in Griechenland gelebt. Es war in Alexandria, der kosmopolitischen, herunter-gekommenen, hybriden Metropole, diesem nervösen und exotischen und exaltierten Stückwerk levantinischer Kultur, in der er – der „alte Stadtdichter“ (Marguerite Yourcenar) – zu Ruhm gelangen sollte.
Sein Werk ist ein „entschieden frauenabgewandtes“ (ibid.), geprägt von lebenslangem Wanken zwischen Lust und Askese und dem Ausdruck seines Konzeptes einer „Kunst für den Künstler“, der sein Werk bewusst nur für sich alleine schafft.

 

Constantínos Cavafís definierte sein Werk als „philosophisch, historisch und erotisch“. Seine schöpferische Welt ist die des mittelalterlichen Griechenlands, oft Byzanz, am meisten jedoch die Hellenistische Vergangenheit „seines“ Mittelmeerraums. Cavafís’ Helden sind Akteure und Opfer einer überaus sensuellen, dekadenten, pervertierten Welt von Falschheit, Hoffnungslosigkeit und Verrat.

Die Sprache, in der der Dichter diese Geschehnisse, Personen und Situationen beschreibt, ist, wie man oft bemerkt, eine recht seltsame – bewusst benutzt er Slang, den er mit älteren Ausdrucksformen vermischt und mit Archaismen und Alexandrinischen
Ausdrücken versetzt, wie er gerade wollte.
Es ist ein einfacher, oft nüchterner, manchmal karger Stil, in dem er schreibt. Seine Einzigartigkeit, Neuartigkeit und Kühnheit erstaunt seine Leser, stoßen sie oft auch ab. Alte Erzählungen und historische Fakten verschmelzen unter seiner Feder und bringen längst vergessene Heroen in so bitter-süßen wie mitleidlosen Sätzen zum Leben und zurück.

 

Imenos

“… sollte noch mehr geehrter werden
Die krankhafte Wollust, deren Erlangung verdirbt.
Nur selten findet sie den Körper, der fühlt, was sie will -
Die krankhafte Wollust, deren Erlangung verdirbt,
Die einen erotischen Genuß gewährt,
den Gesundheit nicht kennt …”

Ausschnitt aus einem Brief des jungen Imenos
(Aus einer Patrizierfamilie), berüchtigt in Syrakus
Wegen seiner Liederlichkeit unter der liederlichen
Herrschaft Michaels des Dritten.

 

Che Fece … Il Gran Rifiuto

Für einige Menschen kommt ein Tag,
An dem sie das große Ja oder das große Nein
aussprechen müssen. Es zeigt sich gleich,
Wer das Ja in sich schon bereit hat,
und mit dem Bekenntnis
Schreitet er voller Ehre und Überzeugung fort.

Derjenige, der ablehnt, bedauert es nicht. Fragt man ihn erneut,
So wiederholt er sein Nein; obwohl das Nein – gerade dieses Nein -
  Ihn sein ganzes Leben lang niederdrückt.

 

In Verzweiflung

Er hat ihn völlig verloren. Und jetzt sucht er
seine Lippen auf den Lippen jedes neuen Liebhabers.
Er versucht sich in den Armen jedes neuen Liebhabers
Vorzutäuschen, dass es derselbe junge Mann ist,
Dem er sich zuneigt, dem er sich hingibt.

Er hat ihn völlig verloren, als ob er nie existiert hätte.
  Der andere sagte, er wolle sich retten
  Vor der stigmatisierten, krankhaften Wollust,
  Vor der schandbefleckten Wollust.
  Noch wäre Zeit, sagte er, sich zu retten.

  Er hat ihn völlig verloren, als ob er nie existiert hätte.
  Durch Phantasien und bewusste Sinnestäuschungen
  Sucht er seine Lippen auf den Lippen anderer junger Männer
  Und sehnt sich wieder nach seiner Liebe.

 

Julian bei dem Mysterien

Doch als er sich im Dunkeln befand,
In der ungeheuren Tiefe der Erde,
Begleitet von gottlosen Griechen,
Und geisterhafte Gestalten vor sich
Erscheinen sah, in Lichterglanz, mit Glorienschein,
Hatte der junge Mann einen Augenblick Angst.
Ein Instinkt seiner frommen Jahre kehrte in ihn
Zurück, und er schlug das Kreuz.
Plötzlich verschwanden die Gestalten,
Ihr Schein wurde dunkel – das Licht erlosch.
Flüchtig blickten die Griechen einander an.
Und der junge Mann sagte: „Habt
Ihr das Wunder gesehen?
Meine Freunde, ich fürchte mich.
Ich habe Angst, Kameraden, ich will fort.
Habt Ihr nicht gesehen, wie die Dämonen
Sogleich verschwanden, als sie mich
Das Zeichen des heiligen Kreuzes schlagen sahen?“
Die Griechen lachten laut auf.
„Schäme dich vor uns,
Sophisten und Philosophen, solcher Worte!
Wenn du so etwas sagen willst, erzähle es
Dem Bischof von Nikomedia und seinen Popen!
Die höchsten Götter unseres ruhmreichen
Hellas erschienen vor dir.
Und wenn sie verschwanden, dann glaub nicht,
Dass sie Angst vor einer Handbewegung hatten.
Nur, als diese dieses niederträchtige,
Dieses grobe Zeichen erblickten,
Ekelte sich ihre edle Natur,
Und sie verließen dich voller Verachtung.“
So sprachen sie zu ihm,
Und der Narr erholte sich von seiner
Heiligen, gesegneten Angst, überzeugt
Von den gottlosen Worten der Griechen.

Verborgenes

Aus alldem, was ich tat und sagte,
Möge keiner versuchen herauszufinden, wer ich war.
Ein Hindernis war da,
Das meine Taten und meinen Lebensstil gewandelt.
Ein Hindernis war da,
Das mich oft abhielt zu sprechen.

Meine unscheinbaren Taten,
Meine deutlich verschleierten Schriften,
Aus ihnen allein wird man mich verstehen.
Aber vielleicht lohnt sich solche Anstrengung
Und Mühe nicht, mich ausfindig zu machen.
Später – in einer vollkommeneren Gesellschaft -
Wird ein anderer, beschaffen genau wie ich,
Sich frei offenbaren und handeln.

Mit freundlicher Genehmigung des Ammann Verlages
Gedichte übersetzt von Robert Elsie

„Constantinos Cavafis“  erscheint in einer einmaligen Auflage von 40 Exemplaren
Druck der Radierungen: Willi Jesse
Buchdruck: Peter Rensch
Fertigung der Kassetten: Christian Klünder

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