Daniel Hopfer – Erfinder der Ätzradierung

„Die Schlacht von Thérouanne,“ ca. 1493

Es gilt inzwischen als sicher, dass dies die erste je angefertigte Ätzradierung ist. Mit voll ausgeschriebenem Namen von Daniel Hopfer signiert, muß er als der Erfinder dieser bahnbrechenden Neuerung der Tiefdrucktechnik gelten. Noch ist die Zeichnung eher grobschlächtig, aber in kurzer Zeit gelangt Hopfer zu erstaunlicher Finesse.
Dieser Artikel ist ihm in Verehrung gewidmet.

 

 

Augsburg, 12. April 1493

Daniel Hopfer, 23, erkauft sich mit vier Gulden den Eintritt in das reichsstädtische Augsburg. Hopfer stammt aus einer Malerfamilie aus Kaufbeuren, einer weiteren prosperierenden Reichsstadt, südlich seiner neuen Heimat. Er hat neben der Malerei auch Erfahrung als Waffenschmied und Waffenätzer (Augsburg ist großer Waffenexporteur) und will nun seine eigene Werkstatt in der „Kaiserstadt“ eröffnen.

 

Seit ein paar Jahren schon hat Hopfer sich auf die Anfertigung von Druckgrafik spezialisiert. Er trifft damit auf ein Marktvakuum: die Nachfrage nach reproduzierten Abbildungen steigt zu jener Zeit enorm. Er stellt Gesellen ein, doch lässt sein hochspezialisiertes Handwerk nur eine sehr begrenzte Anzahl von ihnen zu. Nach anfänglichen finanziellen Schwierigkeiten nimmt sein Unternehmen Fahrt auf – wie Anhand der lückenlos erhaltenen Augsburger Steuerbücher zu erkennen ist, bis zu einem Gesamtvermögen von über 2.400 Gulden.

Hopfer, ein Multitalent, findet in Augsburg Anschluss an jenen Künstlerkreis, der Hauptlieferant des kaiserlichen Hofes und damit in seiner Zeit stil – und geschmacksbildend ist. Er etabliert sich in einer Stadt, deren Zunftgedanken Hand in Hand geht mit einem außergewöhnlichen Entwicklungsdrang.

 

 

 


Augsburg

 

Hopfers Hauptmetier ist die Ätzradierung auf Eisen, ein bahnbrechendes Verfahren, das erfunden zu haben ihm die größte Ehre gebührt. Die Eisenradierung ist ein Tiefdruck-verfahren, d.h. die zu druckenden Linien werden in das Metal hineingeätzt um dann, eingefärbt, mittels einer Presse auf feuchtes Papier gedruckt zu werden. Beim Kupferstich, der für die Reproduktionsgrafik seit dem mittleren 15. Jahrhundert Anwendung findet, werden die Linien mit einem Stichel in das Metall eingegraben – die Radiertechnik hingegen erzeugt auf chemischem Wege die gewünschten Konturen und Schraffuren.

“Drei Landsknechte”

Ende des 15. Jahrhunderts kommt bei den Landsknechten die eigen-willige Mode auf, Kleidung zu schlitzen. Putzsucht verbunden mit Angebertum – die Stoffe verschlangen einen Großteil des Soldes – wurden zu einem Markenzeichen. Aber auch die Idee des Apotropaions schwingt hier mit.

 

Das Prinzip der Ätzung auf Metall besteht darin, diejenigen Bereiche, die im Säurebad – das so genannte Ätzwasser ist zu jener Zeit eine Essigsäure, heute wird Eisenchlorid benutzt – nicht eingetieft werden sollen, mit einem säureresistenten Ätzgrund zu bedecken, der meist aus einer mit Leinöl versetzten Bleiweißpaste oder Wachs besteht. Die offen liegenden Partien des Metalls werden somit von der Säure angegriffen und „weggeätzt,“ während die abgedeckten erhaben bleiben und keine Farbe annehmen. Diese Methode wird von Hopfer nun dahingehend verfeinert, dass in den Ätzgrund (der die gesamte Metallplatte bedeckt) mittels einer Nadel Linien geritzt – radiert – werden und somit der Ätzlösung ausgesetzt sind. Nun sind zweierlei Verfahren möglich, die sich miteinander kombinieren lassen: Linienätzung und Flächenätzung. Das Endergebnis ist eine Metallplatte mit eingetieften Linien und Flächen, die, mit Druckerschwärze eingefärbt („eingeschwärzt“), auf Papier abgezogen werden kann.

Kolmann  Helmschmid und Daniel Hopfer, Riefelküriss, wohl für Bernhard Meuting, um 1525

Detail des Ätzdekors

 

 

 

 

Radierer sind zu Hopfers Zeit auf die Hilfe von Schmieden angewiesen: die Plattenrohlinge werden exakt nach dem Schmiedeverfahren von Schwertklingen fabriziert. Man kann sogar davon ausgehen, dass Hopfer diese Rohlinge seriell fertigen ließ, da sie sehr oft ein Einheitsmaß von ca. 15 x 23 cm besitzen. Augsburg gilt als frühe Hochburg der Eisenätzung, wo in den 1490er Jahren offenbar auch anderweitig nutzbare Metallplatten geätzt und selbst die Ätzung in Stein erprobt wurden.

Hopfers Radierung auf Eisen hat Vor- und Nachteile: Sie ist, da die Radiernadel wie ein Stift geführt werden kann, wesentlich schneller und Kräfte sparender als der mit unterschiedlichen Sticheln vorzubereitende Kupferstich auszuführen. Besonders einfach zu bewerkstelligen ist für jeden in Spiegelschrift Geschulten die Wiedergabe von Geschriebenem – ein Vorteil, den die Hopfer-Werkstatt besonders zu nutzen wusste.
Kurz: in ihrer Spontaneität steht die Radierung der Zeichnung sehr nahe.

Der Kommentator dieser “Moriskentanz” genannten Radierung (siehe Münchener Katalog) erwähnt interessanterweise, dass Aby Warburg die Abbildung, “zusammen mit anderen Moriskentänzen und weiteren Skurrilitäten der europäischen Kunstgeschichte, in seinen `Mnemosyne Atlas´ eingefügt hat, und zwar als Beispiel für die `Inversion´ idealer höfischer Schönheit `in eine häßliche Alte´.”

 

Der Nachteil sind die bei normaler Anwendung durchwegs gleichartigen, stumpf ausgefransten Linien, die, wenn sich der Künstler zu sehr von den Gepflogenheiten des Kupferstichs oder Holzschnitt leiten lässt, allzu dicht beieinander liegen und jede noch so gelungene Komposition verdüstern. Wahrscheinlich greifen die um zeichnerische Differenzierung und malerische Tonigkeit bemühten Albrecht Dürer und Hans Burgkmair d. Ä. deswegen nur sporadisch auf die Eisenätzung zurück. Hauptproblem ist schließlich die Rostanfälligkeit der eisernen Druckformen, die sich in fortschreitendem Maße auch auf den Abzügen störend bemerkbar macht. Erst ab der Mitte des 16. Jahrhunderts kann, dank neuer Ätzmittel, mit dem korosionsresistenten Kupfer gearbeitet werden.

Halbfigur eines Mädchens

Das imposante Blatt (433 x 320 mm) zeigt eine kecken Blicks nach links gewendete junge Frau in gesticktem Kleid mit Federbarett, mit Schleife und Bändern geziert und üppig mit Schmuck behangen. Die Akelei in ihrer Rechten, die als Heilmittel gegen Unfruchtbarkeit galt, und der gleich dreifach auftretende verschlungene “Liebesknoten” – zweimal als Stickerei am Barett und am Brustlatz, einmal als Anhänger des Kropfbandes weisen die Dargestellte, so die gängige Deutung, als Liebesdienerin aus.

 

Hopfer, am Anfang einer neu erfundenen Drucktechnik, gelangt zu erstaunlicher technischer Finesse und weiß, die ihm durchaus bewussten künstlerischen Einschränkungen in glänzender Weise zu kompensieren. Höchste Meisterschaft entwickelt er allmählich darin, Linien – und Flächenätzung auf einer Platte zu kombinieren. Dazu muss alles, was nicht drucken, also weiß verbleiben soll, zunächst mit Ätzgrund abgedeckt werden, etwa in schwarzen Hintergründen die hellen Tupfen oder die Formen von Rankenwerk und Kleingetier. Letzteres wird dann mittels der Radiernadel binnengezeichnet und durch Schraffuren modelliert. Aus der Not des nur wenig beeinflussbaren Ätzvorgangs eine Tugend machend, kommt Hopfer zu einem weiteren Spezialverfahren, dem mehrfachen Ätzen: Vor dem ersten Ätzbad sind nicht alle Linien radiert, sondern manche Partien noch unbehandelt. Danach bearbeitet der Künstler den Ätzgrund weiter mit der Nadel, so dass nach einer zweiten (und vielleicht auch dritten) Ätzung die zuerst radierten Linien weiter ausgefressen werden als die nur einfach geätzten. Im Abzug resultieren aus den tieferen Ätzlinien schwarze Striche, aus den flacheren “graue”.

 

 

 

 

 

 

Den Höhepunkt von Hopfers Kunst markiert ein viertes Verfahren, bei dem mittels der eben beschriebenen Zweitätzung über die Linien eine kurze Flächenätzung gelegt wurde, die im Abdruck an eine Aquatinta-Radierung (Beschreibung folgt / link) erinnernde Grauwerte erzeugt. Das spektakulärste nach diesem Verfahren gedruckte Blatt ist zweifelsohne “Tod und Teufel überraschen zwei Frauen” (oben).
Die bei der Figur des Teufels zur Anwendung gekommene komplizierteste, in ihrer Abfolge kaum mehr nachvollziehbare Kombination aus Strich – und Flächenätzung bewirkt zarteste Zeichnungen und feinste Grauabstufungen und macht das Blatt zum Bravourstück der frühen Radierung schlechthin. Kein zweites Mal hat Hopfer die von ihm entwickelten technischen Finessen derart raffiniert umzusetzen gewusst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wann hat Hopfer also das erste Mal geätzt? Christoph Metzger – dessen Text hier in etwas abgekürzter Form zitiert wurde – ist der Ansicht, dass Hopfers Blatt „Die Schlacht vor Thérouanne“ entscheidend für die Anfänge der Radierung ist. „Mit Daniel Hopfers `Schlacht vor Thérouanne´ besitzen wir die früheste Ätzradierung überhaupt.“ Man darf wohl das Jahr 1493 für ihre Entstehung annehmen, Jahr, in dem Hopfer seine vier Gulden bezahlte um Augsburg mit seinem Genie zu bereichern.

 

Unter Verwendung des wundervollen Textes von Christof Metzger, in dem sehr zu empfehlenden Katalog: Daniel Hopfer, Ein Augsburger Meister der Renaissance, Staatliche Graphische Sammlung München, 2010

ISBN 978-3-422-06931-2

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.