„Die Krone” oder: Karl der Kühne von Burgund

 

Nancy,  5. Januar 1477

Karl der Kühne, Herzog von Burgund, 44, stirbt nach heftigem und blutigem Gefecht in der Schlacht bei Nancy. Quellen zufolge stürzt er sich, angesichts des für ihn und seine Armee verlorenen Kampfes, freiwillig in den Tod. So endet nicht nur sein Traum von Königtum, sondern auch die Existenz seines herrlichen Besitzes: das Herzogtum Burgund.

Zwei Tage nach dem verheerenden Treffen bei Nancy führt ein Page den siegreichen Herzog René II. von Lothringen an den Ort, wo der Kadaver des gefallenen Herzogs verfault. Karl ist unerkannt („sans le congnoiste“) erschlagen („par-dessus l´oreille jusqu´aux dents“ – „von über dem Ohr bis hinunter zu den Zähnen“), entstellt und – wie damals üblich – von den Totenräubern, die über die Schlachtfelder ziehen, entkleidet worden. Fest gefroren am Boden, ist sein Körper durch Wolfsfraß grausam verunstaltet. Hätte nur einer von den Kriegsleuten gewusst, wer er ist, er hätte ihm das Leben geschenkt, denn kein Mensch hätte sich das gewaltige Lösegeld entgehen lassen. So endet das kurze Leben eines Fürsten, der so viel Aufsehen erregt hat wie kein anderer Herrscher seiner Zeit. Und welcher das, was er so sehr begehrte, nie erhalten hat: eine Krone.

Rogier van der Weyden
Karl der Kühne
Gemälde
ca. 1460
Gemäldegalerie Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Karl, genannt „der Kühne,“ ist ein attraktiver Mann und ein ausgesprochen schwieriger Zeitgenosse. „Arbeitsam, bürokratisch, absolut, rigoristisch, moralisch, sparsam, prunkvoll, zeremoniell, ehrgeizig, ehrversessen, ungeduldig, grausam, gefürchtet, modern“ sind nur ein paar der ihm zugesprochenen Eigenschaften. In unseren Augen konsequent: bedingen doch einander das Absolutistische und das Prunkvolle. Karl ist ein feudalistischer Regent und ist sich dessen wohl bewusst. Er fühlt auch, dass eine neue Zeit anbricht, neue Machtgefüge sich bilden werden (mit dem selbstbewusst aufstrebenden Bürgertum in Brügge und Gent hat er schon seine unangenehmen Erfahrungen gemacht), und seine Situation – ohne männlichen Nachkommen – eine generell Prekäre ist.

Karls, durch seine Herkunft bedingtes, schwieriges psychologisches Gefühlswirrwarr, das ihn Lebzeiten zu teilweise absonderlichen Handlungen und Äußerungen veranlassen und ihn letztendlich auch in seinen Freitod treiben wird, zu verstehen versuchen und nachzuvollziehen, war wichtiger Bestandteil meiner Recherche für die Heliogravüre „Die Krone,“ Teil der Serie „arse moriendi“ – die Kunst zu Sterben.

Denn diese bestimmte Krone ist für Karl Sinnbild, Ideal einer abgeschlossenen Emanzipation des Hauses Burgund gegenüber den rivalisierenden Großmächten und wird, je mehr er sich in gefährliche Unternehmungen wirft um es zu besitzen und je mehr es sich ihm dadurch entzieht, zu einem Objekt der Begierde, zu einer wahren Obsession.

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