„Die Krone” oder: Karl der Kühne von Burgund

Junger Mann, vergnügt sich Karl mit dem zukünftigen König von Frankreich, Luis XI, und dem zukünftigen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Maximilian I – nunmehr seine Gegner – in den Gärten des väterlichen Schlosses in Dijon; vier wichtige Jahre wachsen die Jungen zusammen auf. Sorglos ist ihr Leben und es scheint, als hegten alle drei tiefe freundschaftliche Gefühle zueinander. Gemeinsam reimen und singen sie, gehen auf die Jagd, lernen zusammen, teilen ein gemeinsames Zimmer.

Wann diese Harmonie zerstört wird ist nicht bekannt, aber man kann davon ausgehen, dass die Zwänge und Regeln der rivalisierenden Herrscherhäuser, die ausgeprägten Charaktere der drei Edlen und nicht zuletzt die exponierte Lage des Herzogtums Burgund als Pseudo-Puffer zwischen Frankreich und Deutschland zum Zerwürfnis führen mussten. Denn Burgund, dessen Besitztümer quasi durchgehend von Dijon bis an die Nordsee reichen, wird als Fremdkörper empfunden, als (erfolgreiches und wohlhabendes) Störgewicht in der balance of power. Hinzu kommt, dass sowohl Frankreich als auch Deutschland zu jener Zeit finanziell aus dem letzten Loch pfeifen und die eventuelle Beute gerne unter sich aufteilen würden.

Augenscheinlich werden die pekuniären Unterschiede anlässlich des berühmten Treffens von Karl und Friedrich, Kaiser von Deutschland, Vater von Maximilian, in Trier, September 1473. Um sein, Karls, Ansinnen – seine Tochter Maria mit Maximilian, Friedrichs Sohn, vermählt zu sehen, und dafür (eine Hand wäscht die andere) endlich seine Königs- bzw. Kaiserkrone zu erhalten – dieses Ansinnen zu unterstreichen, wirft Karl sich in Schale und bietet allen Prunk auf, dessen der burgundische Haushalt sich im Stande sieht. Und das ist – im Vergleich zum Kaiser – ganz erheblich. Zeitgenossen berichten ausführlich von diesem exquisiten Treffen, das sich über knapp zwei Monate erstreckten sollte.

“Von dem grossen Monarchen ma(h)l / das der Hertzog von Burgund dem Kaiser und anderen Fürsten gab / und wie das mit Ordnung und grossem Reichtum zu ging.”

Man beachte den grünen Stoff im Hintergrund.

 

 

 

 

 

Karl hatte natürlich auch die herzöglich-burgundische Kochmannschaft in seinem riesigen Tross. Und wer jemals im schönen Burgund gespeist, wer jemals den Wein dort getrunken, kann von der Begeisterung, die Karls’ Soirées beim kaiserlichen Hofstaat auslöste, kaum überrascht sein.
Zu alledem hatte Karl seinen Thronsaal ja dabei: eine aus großen Platten fertig gezimmerte “Cabane”, welche im Nu’ aufgebaut, möbliert, beheizt und ausgeschmückt werden konnte.

Eine der großartigen Tapisserien, die in Karls Zelt aufgehängt waren.
Gewoben in den kunstfertigsten Ateliers von Brügge, fielen diese Kunstwerke später ökonomischen Umständen zum Opfer: man verbrannte die Gewirke, um das in ihnen verwobene Gold und Silber zurück zu gewinnen.

 

 

Tatsächlich war Karls’ “Hütte” mit erlesenen, goldgewirkten, mit Edelsteinen bestickten   Wandteppichen, die das Haus Burgund und dessen Reinheit und Größe priesen, geradezu tapeziert – ein Propaganda-Aufwand sondergleichen. Man denke sich Kerzenlicht hinzu, gute Musik, eine ausgewählte Tafelrunde, schönstes Geschirr, elegantes Savoir-vivre, und vergegenwärtige sich den Eindruck von Kultiviertheit – just inmitten der in Blut ertrunkenen Felder des Grauens ringsum.

 

Zu den prominenten französisch-burgundischen Festformen zählen die entremets, die während der Bankette d´un mets à un autre mets –  also zwischen den Gängen – den Gästen dargeboten werden. Diese Tafelspiele präsentieren heraldische, emblematische und allegorische Tiere sowie mythische, wundersame und fremdartige Wesen, die – oft durch ausgeklügelte Automatik perfektioniert – zu fiktivem Leben erweckt werden. Anlaßbezogene und allegorische Motive sowie panegyrische – schmeichelnde – Anspielungen unterstreichen den repräsentativ-symbolischen Charakter der Szenen. Antike Götter und andere mythologische Wesen werden den zeitgenössischen Vorstellungen angepaßt, in neue inhaltliche Zusammenhänge übertragen und umgedeutet. Neue transzendente Ideale werden erfunden, Karls Machtanspruch Legitimität und Aussagekraft zu verleihen. Nichts bleibt dem Zufall überlassen – des Herzogs Selbstinszenierung übertrifft alles bisher Gesehene.

Aber auch die Vergänglichkeit des Menschen, seine Schwäche und seine Angst vor dem Tod werden evoziert, ein im Mittelalter durchaus übliches, ja beliebtes Thema.

Diese entremets, als Mimodramen von einander oft unabhängig inszenierten Akte, werden an mehreren Tagen in Folge weitgehend auf einer gesonderten Bühne gezeigt. Auf eine lebensnahe Darstellung („que ce sembloit chose vive, sans mistaire“ – „daß es so aussehe wie lebendig, ohne Wunderwerk“) wird großer Wert gelegt; ab und zu steigern akustische Effekte oder kurze, pointierte Ausrufe die Dramatik der Darstellung, im Falle des „arse moriendi“-Portfolios ironisch-makaberer Art: „Je te salue, ô Mort…“ („Ich grüsse dich, o Tod…“), „N´est que toute ordure…“ (Ist alles doch nur Unrat…“) etc.

Diese Serie von Kupferdrucken stellt also imaginäre entremets dar, wie sie am Hofe Karls des Kühnen hätten aufgeführt werden können.

Hier nun begegnen wir auch der ars moriendi, der Kunst des Sterbens, der persönlichen Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tod, der Vertrautmachung des Menschen mit dem ihm bevorstehenden Abschied, der Vorahnung, der Vorbereitung des Todes, im Gegensatz zu dem, den Menschen völlig überraschenden, plötzlichen Tod. Die ars moriendi ist sicherlich ein Endprodukt mittelalterlicher Thanatologie, der Wissenschaft von Tod und Sterben. Sie suggeriert dem spätmittelalterlichen Menschen die Möglichkeit eines „gezähmten Todes“ (Philippe Ariès); Empfängnis, Geburt, Alter, Krankheit und letztendlich Tod, sie vermischen sich in Bildern, die eher ergreifen und anziehen, als daß sie abschrecken. Erbauung, „wie man sich schicken sol, zu einem kostlichen seligen Tod“ (Johan Geiler von Kaysersberg), findet Ausdruck in diesen, als memento mori konzipierten entremets.

„Die Wahrheit ist ganz einfach die, daß der Mensch nie wieder eine solche Liebe zum Leben an den Tag gelegt hat wie gegen Ende des Mittelalters“, meint Philippe Ariès in seiner Geschichte der Einstellung des Menschen zum Tod und zum Sterben. Aus seinem Buch „L´Homme devant la Mort“ / „Geschichte des Todes“ stammen die meisten der Zitate, Stoßseufzer, Lamentationen und Bonmots, die ich in dieser Serie von Heliogravüren verwendet habe. Die Bildlichmachung der  Kunst, das Sterben, den Tod zum Fest zu erheben, zu amüsanten, ironischen, erstaunlichen, die Imagination beflügelnden entremets-Bühnenbildern zu gestalten, ist mein Anliegen.

Texte von Werner Paravicini, Birgit Franke, Philippe Ariès und Peter Th. Mayer, Berlin 2009

 

 

 

 

 

 

 

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