Dürer – Zentralperspektive

 

Das obige Bild mit dem Titel “Der Zeichner des liegenden Weibes” gelangt über einen eher indirekten Wege zur Berühmtheit. Es handelt sich nämlich nicht um ein Kunstwerk, das an einen gewöhnlichen Betrachter gerichtet ist, sondern “lediglich” um einen Holzstich zur Illustration eines Fachbuchs. Doch Dürers “Underweysung der Messung mit dem Zirckel und Richtscheyt”, 1525 erstmals veröffentlicht, erreicht einen Kreis, der weit über die Fachwelt hinausgeht. Die Illustration mit der Größe von nur 7,5 auf 21,5 cm vereint Sujets, die eigentlich nicht zueinander passen. Es geht gleichermaßen um Voyeurismus wie um eine Zeichentechnik: Und Dürers Coup gelingt prächtig. Das Motiv hätte als großes Ölgemälde vermutlich einen großen Skandal ausgelöst.

Dürers Interesse für die Zentralperspektive wurde in seinen vielen Auslandsreisen nach Italien, der Schweiz und der Niederlande geweckt. Während seiner zweiten Italienreise 1506 schreibt er an einen Freund, einen Lehrer zur Kunst der Perspektive gefunden zu haben. Der Perfektionist und Tüftler Dürer entwickelt daraufhin eigene Methoden und Apparaturen. Das Gitter zwischen Maler und – der Terminus sei hier erlaubt – Objekt, schafft an den Kreuzungen Fixpunkte, die auf das Zeichenblatt übertragen werden. Die Proportionen des Objekts werden dabei bewahrt und können geometrisch richtig wiedergegeben werden. Auch das menschliche Auge funktioniert nach diesem Prinzip, wird doch beim Sehen die dreidimensionale Umwelt durch die Pupille gebündelt und danach auf die zweidimensionale Netzhaut übertragen.

Dürers Holzstich enthält drei Fenster, die wie die Pupille des menschlichen Auges funktionieren. Zwei Fenster geben den Blick auf eine Landschaft frei, die den Blick nicht eben auf sich zieht – sie ist so gewöhnlich wie die Dekoration auf dem Fensterbrett. Doch das dritte Fenster verheißt Interessanteres, führt es doch – für den Betrachter nicht einsichtig – zur intimsten Stelle des weiblichen Körpers.

 

 

 

 

“L’origine du monde”
Gustave Courbet
1866

 

 

Text: Aphilia

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