Ein Radier-Skandal in den Zeiten des Internet – von Leona Christie

Ben Beres
Mamelles
Radierung / Chine collé
24 x 36 cm
2012

     

For the English Version please see here.

Die sozialen Medien verstärken selbst die leiseste Form der Kunst, wie die neueste Geschichte der „Mamelles“ (Französisch für „Titten“) es zeigt. Eine Kontroverse ist entstanden über eine Radierung, die freie Meinungsäußerung den Rechten derer, die sich von seiner Veröffentlichung angegriffen fühlten, entgegensetzt. Dieser zeitgenössische Radier-Skandal offenbart die immer noch große Kraft des Grafischen, sowohl auf der visuellen als auch auf der expliziten, der ausdrücklichen Ebene, und weitet das Konzept des „Viralen“ auf die Druckgrafik aus, deren Natur es von jeher war, vervielfältigt zu werden und in Umlauf zu kommen.

 

Am unteren Ende dieser Verbreitung im Internet findet sich Rembrandt’s kleine, aber sehr detaillierte Radierung / Kaltnadel von 1646, „Der Mönch im Kornfeld“.

Rembrandt van Rijn
Mönch im Kornfeld
Radierung/Kaltnadel
6 x 9 cm
1646

 

 

 

 

Etwas kleiner als 6 x 9 cm und in sehr geringer Auflage erschienen, zeigt diese Radierung einen Mönch der mit einem Milchmädchen Verkehr hat, im Hintergrund ein Bauer, der seine Sense schwingt. Dieses so schlüpfrige wie frevlerische Thema wird wohl die Zurückhaltung der Sammler und Kuratoren erklären, die dieser Radierung ein langes aber auch zurückgezogenes Leben garantierten. Das Britische Museum erstand sie 1848 und zeigte sie erst 2006.

Im Gegensatz zu dieser Zurückhaltung war die Grafik sammelnde Öffentlichkeit des 18ten und 19ten Jahrhunderts durch absichtliche Provokationen durch Karikatur und Satire geradezu angeheizt. In London konnte man Menschtrauben beobachten, die ihre Nasen an den Schaufenstern platt drückten, in denen die neuesten Drucke ausgestellt wurden. Sie konnten es sich nicht leisten, diese Abzüge zu kaufen, waren aber wild darauf, sie zu sehen, wie es James Gillray’s Bild „Sehr rutschiges Wetter“ verdeutlicht. Die Drucker und ihre Verleger profitierten davon, umstrittene und modische Themen zu wählen um ein größeres Publikum anzulocken.

James Gillray
Very Slippy-weather (Detail)
Radierung, handkoloriert
1808

 

 

 

 

Im Falle der „Mamelles“ kann man sagen, dass das Internet zum Schaufenster der Druckerei wird und der Künstler, Ben Beres, erfolgreich den Provokateur gibt. Weniger fleischlich als Rembrandt’s Mönch, aber höher in der Skala des Geldwertes und des Bekanntheitsgrades, führt Beres’ Grafik die Namen und cartoonhaften Brüste von 108 weiblichen Künstlerinnen aus Seattle in einem handgezeichneten Kreuzwerk auf.

Die ganze Geschichte beginnt in Paris, mit einer Ausstellung der Dauersammlung des Centre Pompidou, elles@centrepompidou, die die Geschichte der zeitgenössischer Kunst anhand ausschließlich weiblicher Künstlerinnen darstellt. Im Herbst wurde die Ausstellung ins Seattle Art Museum exportiert, angereichert mit Beispielen regionaler Kunstproduktion wiederum ausschließlich weiblicher Künstlerinnen: Elles: Seattle. Beres’ Druck tauchte das erste Mal am 7. November auf, in einer Ausstellung des Cornish College of the Arts (wo Beres Grafik lehrt), die als Antwort auf Elles kuratiert worden war, genannt „Ils disent“, was so viel bedeutet wie: sie, die Männer, sagen.

Vor der Vernissage wurde Mamelles, folgend der Beschwerde zweier auf dem Druck erwähnten Frauen, übrigens Kolleginnen des Künstlers, von den Kuratoren des Cornish College abgehängt. Es war nicht die Abbildung an sich, vielmehr die Erwähnung der Namen und die daraus geleitete Beschwerde sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, die zu dieser Aktion führte.

Sobald das Bild von den Galeriewänden wegzensiert war, entwickelte es im Internet ein zweites Leben: selbsternannte Unterstützer von Beres eigneten sich ihre radierten Text/Brust-„Portraits“ an und benutzten sie als Profilbilder bei Facebook. Der Druck wurde auch in einer Zeitung aus Seattle, The Stranger, abgebildet, sowohl als Print als auch Online, während das ganze Imbroglio in einem Artikel des Kunstkritikers Jen Graves („216 Nipples Later: What We Talk About When We Talk About Women, Men, Sex, Violence, Art, and Censorship“ – „216 Titten später: Über was wir sprechen wenn wir über Frauen, Männer, Sex, Gewalt, Kunst und Zensur sprechen“) auseinander genommen wurde.

Beres’ Arbeit wurde von verschiedenen Facebook Kommentatoren und Bloggern als leichtfüßige institutionelle Kritik an der Kategorisierung von Künstlern (oder Arbeitern überhaupt) nach sexuellen Charakteristika – im Englischen „gender reductionism“ genannt – interpretiert. Im Gegenzug dazu wurde Beres kritisiert, die Darstellung von Frauen auf Brüste zu reduzieren, und nicht individuelle Gesichter darzustellen. Auch die Ästhetik der dargestellten Brüste wurde diskutiert: nicht idealisiert (gut) und unvorteilhaft (schlecht). Der Druck wurde oft mit Graffiti verglichen, und ein oft gebrauchtes Argument, die Grafik von den Galeriewänden zu nehmen, war, dass es – rechtlich gesehen – der Zeichnung und Benennung von Mitarbeiterinnen auf der Herrentoilette am gemeinsamen Arbeitsplatz gleich käme.

Wie auch immer: Beres’ Druck schafft ein kirmesartiges Spiegelkabinett des Feminismus’ in dem er ihn sowohl verzerrt als auch reflektiert. „Mir ist bewusst, dass ich die Kuratoren und Cornish in eine schwierige Situation gebracht habe was Fragen der Ethik am Arbeitsplatz anbetrifft, aber Kunst sollte gerade dieses Fragen beleuchten und diese Themen bearbeiten. Ich bin eben kein Pastell-Landschaftsmaler,“ schreibt Beres. Hätte Beres eine Radierung erzeugt die, wie es Rembrandt gemacht hat, die Scheinheiligkeit des geistlichen Standes aufs Korn nimmt, wäre eine solche Bekanntheit wohl ausgeblieben. Aber geschichtlicher und sozialer Kontext sind wichtige Elemente eines Kunstwerkes. Wie bei Rembrandts Zeitgenossen die Tugendhaftigkeit der Geistlichen eine feste Überzeugung war, ist die Gleichberechtigung heutzutage ein akzeptiertes Grundkonzept der Kunstwelt – wiewohl nicht in der Gesellschaft allgemein, und auch nicht in der Praxis. Hinzu kommt, dass der Gebrauch der Radierung für Rembrandt Innovation bedeutete indem er neue Techniken entwickelte, neue Säuren mischte, neue Instrumente benutzte und so bis dahin ungesehene Intagliografiken entwickelte und damit auch die Macht des Neuen auf seiner Seite wusste. Für Beres ist die Radierung ein „altes Medium“, und er gebraucht ihren spezifischen Look ganz bewusst: Kratzer auf alten Platten, der industrielle Aspekt des gewalzten Metalls – um sein Bild mit der Aura der Zeitlosigkeit zu versehen.

„Ich liebe den Umstand, dass eine Grafik verteilt werden kann – 20 Drucke im Gegensatz zu einem Bild macht einen erheblichen Unterschied, aber es hätte wohl einen ganz ähnlichen Zoff gegeben, wenn es ein Bild oder eine Zeichnung gewesen wäre,“ schreibt Beres. „Ich denke aber, dass der Umstand, dass ein Medium, das mehr als 500 Jahre alt ist, so eine Aufregung erzeugen kann, ganz schön faszinierend ist.“

Gefunden bei http://www.printeresting.org
Geschrieben von Leona Christie, Künstlerin und Lehrerin aus dem Hudson Valley, New York
Courtesy Leona Christie, übersetzt aus dem Englischen von Peter Th. Mayer
Gepostet am 3. Dezember bei Printeresting

 

 

 

 

 

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