Hercules Segers – Erfinder der Zuckertuschentechnik

Dieser Artikel beruht auf einem Essay von An Van Camp, Britisches Museum, London.

Hercules Segers, Niederländischer Maler und Grafiker, spezialisiert sich auf rätselhafte Landschaftsdarstellungen. Diese führt er in vollkommen neuartigen, von ihm erfundenen Techniken aus.

 

Sohn eines mennonitischen Händlers, wird Hercules Segers ca. 1589 in Haarlem geboren. Nach dem Umzug der Familie nach Amsterdam um 1592, nimmt der Junge eine Lehrstelle bei Gillis van Coninxloo an, einem Maler imaginärer, etwas abstruser Waldstücke.
1612 wird Segers Mitglied der Malergilde in Haarlem. 7 Jahre darauf erwirbt er ein Haus in der Amsterdamer Lindengracht; Haus, das er 1631, tief verschuldet, verkaufen muss. Irgendwann heiratet er, die Ehe bleibt kinderlos. Wann genau er stirbt ist unbekannt, vermutlich 1639.


Neben diesen ausgesprochen bruchstückhaften Informationen, die über Segers erhalten sind und aus Samuel van Hoogstraten’s 1678 erschienenem Buch Einführung in die Hohe Schule der Schilderkunst stammen, gibt es noch eine Handvoll interessanter Hintergrund-informationen, die zum Verständnis Segers’ ungewöhnlicher Arbeitstechnik beitragen und auf die im folgenden Artikel eingegangen wird.

 

 

Hoogstraten überliefert, dass zu Segers’ Lebzeiten niemand an seinen Arbeiten interessiert war und dass ihm Anerkennung erst nach seinem Tode entgegengebracht wurde. Das ist bedauerlich, handelt es sich hier doch um einen der fortschrittlichsten Grafiker je.
Segers’ Œuvre ist relativ klein, ein rundes Dutzend Bilder existiert, die meisten davon felsige Landschaften, ungefähr so groß wie seine Radierungen. Gehalten in einer Palette von dunklen Braun- und Blautönen, zeigen sie den Einfluss seines Meisters van Coninxloo. Segers’ malerisches Werk wird nach seinem Tode mit großem Eifer von anderen Niederländischen Künstlern wie Rembrandt, Saftleven oder van de Capelle gesammelt.

 

“Ansicht von Wageningen”
8,6 x 25,5 cm
Ätzradierung, Zuckertusche und Kaltnadel mit Plattenton, gedruckt in blau-grüner Farbe auf ocker gefärbtem Papier

 

Gewöhnlicherweise nutzen Drucker ihre Plattenmotive, um mehrere identische Abzüge, ja eine identische Auflage anzufertigen. Ganz im Gegenteil Segers: er gibt jedem Abzug einen ihm eigenen Charakter und druckt nur sehr selten identische Abzüge. Um dies zu erreichen, kombiniert er verschiedenste Druckfarben- und techniken, variiert Handkolorierung und Druckmedien, experimentiert mit kontrastierenden Farbtönen. Seine Arbeiten werden oft `gedruckte Malerei´ genannt, da die ausführliche Handkolorierung seinen Radierungen oft eine malerische Wirkung verleiht. Man kann hier auch nicht von Farbradierungen per se sprechen, da die Motive in nur einer Farbe gedruckt sind. Die zusätzlichen Farben werden entweder vor dem Druck auf die verschiedenen Druckträger (Papier oder Stoff) appliziert, oder aber im Nachhinein ergänzt.

 

“Felsiger Gebirgszug mit Plateau”
13,4 x 20,8 cm
Ätzradierung, Zuckertusche und Kaltnadel, gedruckt in dunkelblauer Farbe auf ocker gefärbtem Papier

Detail
Auf dieser Platte hat Segers wohl mehrere Zuckertusche-Ätzungen vorgenommen

Eine andere Version des “Felsigen Gebirgszuges”
Ein Beispiel, wie Segers mit unterschiedlichen Farben unterschiedliche Stimmungen und Tageszeiten evoziert


 

Detail
Hier erkennt man gut Segers’ Eingriffe mit der Kaltnadel auf dem Kupfer

 

 

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Abgesehen von ein paar wenigen Stilleben, Baumstudien und Küstenbildern zeichnet Segers in erster Linie eindringlich schöne, jedoch unheimlich-einsame Landschaften: Gebirgsansichten und felsige Schluchten, beschattet von jähen, kargen Steilklippen; Täler, gemeinhin von einem höheren Standpunkt aus dargestellt, mit gewundenen Landstraßen im Vordergrund, die den Blick des Betrachters in die Ferne geleiten. Und manchmal erkennt man einzelne Gebäude oder gar eine Ortschaft im vagen Hintergrund.
Die Anwesenheit von Menschen ist rar und scheint in erster Linie dazu gedacht, die allgemeine Leere noch zu unterstreichen. Dann und wann findet sich ein morscher Baumstumpf im Vordergrund. Nie fliegt ein Vogel.

“Flußtal mit vier Bäumen”
28,5 x 47 cm
Ätzradierung mit Plattenton
Eine von Segers’ größten Landschaften

 

 

 

Oft fertigt Segers zwei Versionen des gleichen Motivs an, die nur schwer zu unterscheiden sind, sich bei genauerer Betrachtung jedoch als verschiedene Platten herausstellen. Eine andere Methode, leicht unterschiedliche Drucke herzustellen, besteht darin, dass Segers die Plattenränder beschneidet und so fast neuartige Kompositionen mit verschiedenen Perspektiven schafft. Nur wenige Drucke aus seiner Hand besitzen noch Plattenmarkierung, die eingedrückte Prägung des feuchten Papiers, so typisch für den Tiefdruck.

“Panorama mit bemoostem Ast”
12,5 x 18 cm
Ätzradierung und Zuckertusche, graue Druckfarbe auf ocker-laviertem Papier, mit blauer und brauner Wasserfarbe retouchiert

 

 

Morgendämmerung? Jedenfalls sind die Farben auf diesem Abzug erheblich heller. Dadurch werden auch die Details erkennbar

 

 

 

Bei dieser Version hat Segers im Vordergrund zusätzliche dünne Kaltnadelstriche eingefügt

 

 

 

 

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Nichts ist bekannt von der Verbreitung seiner Drucke. Die geringe Anzahl der überlieferten Abzüge und der Umstand, dass nur eine Handvoll Sammler sie erworben hat, deutet auf eine sehr limitierte Verbreitung hin. Sehr viele von Segers’ Radierungen sind wahrscheinlich auch dadurch verloren, da sie in Gemäldekabinetten Platz fanden oder einfach an die Wand gehängt wurden – üblicherweise wurden und werden Drucke in sie schützenden Alben aufbewahrt.

“Landstraße mit Bäumen und Gehöft”
23 x 27,5 cm
Ätzradierung auf ocker gefärbtem Papier, zusätzlich Tusche und braune Farbe
Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen stellt Segers nur sehr selten Menschen oder Tiere auf seinen Bildern dar

 

 

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Hercules Segers wird in erster Linie durch seine aufwändigen Experimente mit neuen Drucktechniken bekannt, die dazu dienen, sein grafisches Vokabular zu bereichern und eine größere Ausdruckskraft in seine Kompositionen zu bringen.
Seine größte Erfindung ist zweifellos die Technik der so genannte Zuckertusche. Obwohl keinerlei Zeugnisse seitens Segers über seine Arbeitsmethoden erhalten sind, geht man davon aus, dass er eine Zuckermischung benutzte um eine Komposition – und zwar mit Hilfe eines Pinsels oder eines Stiftes – direkt auf die Kupferplatte zu malen. (Da einige der Linien ausgesprochen breit sind, ist dies eine verständliche Schlußfolgerung). Dazu wird Zucker mit Wasser aufgekocht bis ein zähflüssiger Sirup entsteht. Diesem wird schwarze Chinatinte beigemischt, damit man die Pinselstriche auch gut sehen kann. Man lässt diese Zeichnung gut trocknen; anschließend wird die Platte zur Gänze mit einer dünnen, harzigen Schicht von Asphaltlack bedeckt. Die Platte wird in einem heißen Wasserbad erhitzt, um die Zuckerlösung an den Stellen anschwellen und abplatzen zu lassen, an denen die Striche gezeichnet wurden. Schließlich bearbeitet man die Platte wie üblich weiter: die nunmehr offenen Stellen des Kupfers werden im Säurebad geätzt, eingefärbt und gedruckt. Die so entstandenen Linien haben eine gekörnte Oberfläche, nicht unähnlich der später erfundenen Aquatinta.

“Flußtal mit Wasserfall”
15,5 x 18,7 cm
Ätzradierung und Zuckertusche, Versuche von Kaltnadel, gedruckt in blauer Farbe, mit grauer und brauner Wasserfarbe ergänzt

 

 

 

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Segers korrigiert so gut wie nie Fehler auf seinen Kupferplatten. Seine Experimente mit verschiedenen Abdeckgründen und Säurebädern zeitigen recht oft Unfälle und Schäden auf dem Metall. Viele Drucke tragen Spuren dieser Unfälle und Segers druckt wohl ganz bewusst von diesen fehlerhaften Platten, vielleicht begreift er diese Unfälle sogar als Inspiration, provoziert sie gar. Plattenton (das sind kleine Kratzer, Schlieren und Dellen, die durch unterlassenes Polieren der Platten entstehen) kann man in vielen seiner Drucke feststellen. Auch “falsche” Ätzung, die durch zu dünnen oder zu weichen Abdeckgrund oder zu starke Säure zustande kommen, sind bei ihm feststellbar – andere Künstler hätten dies korrigiert oder die Platte gleich weggeworfen. Es ist sicher auch möglich, dass Segers absichtlich zu dünn abdeckt um dergestalt Plattenton erst zu kreieren. Jedenfalls sind diese Imperfektionen für ihn typisch und bereichern sein Œuvre enorm.

“Steilklippen über einem Flußtal”
9,9 x 13,3 cm
Ätzradierung, gedruckt in Beige

 

 

 

 

Ein weiteres interessantes Merkmal von Segers’ Kunst ist sein fantasievoller Umgang von tonalen Stellen in seinen Motiven, um Kontraste zwischen Hell und Dunkel zu erschaffen. Die einfachste Weise, diesen Effekt zu erreichen ist, nach dem Einfärben und Wischen der Platte eine dünnen Film Druckerfarbe auf dem Kupfer zu lassen. Wischt man an manchen Stellen etwas mehr, entstehen hellere “Wolken” oder Lichter. Man kann hier schon von “à la poupée” sprechen. Ein ausgesprochen sensueller Drucker ist Segers allemal.

“Gebirgstal mit gebrochenen Pinien”
Ätzradierung und Kaltnadel in schwarzer Farbe
Segers hat diese Platte offensichtlich mehrere Male geätzt, manche der Striche sind besonders tief

 

 

Eine etwas kompliziertere Methode, größere Flächen von Tonalität zu erreichen, ist der Gebrauch von sehr feinen Kaltnadel-Einstichen, die nach der Ätzung auf die Platte appliziert werden. Bei Segers sieht es so aus, als hätte er eine Art Bürste oder gezahntes Objekt benutzt. Die durch Kaltnadeltechnik eingeritzten Linien nehmen erheblich mehr Farbe auf als geätzte, insbesondere bei den ersten Abzügen, so lange die Vertiefungen durch den Druck der Presse noch nicht abgenutzt sind. Das Resultat ist ein samtener Aspekt, von denen die besten Beispiele Steinige Berge mit einem Plateau sowie Fernsicht mit moosbehangenem Ast sind. Zuvor waren diese Flächen als Aquatinta vermutet worden, einem Verfahren, bei dem feiner Harzstaub auf die Platte geschüttelt und durch Erwärmung angeschmolzen wird. Untersuchung per Mikroskop hat jedoch bewiesen, dass diese feinen Linien in der Tat mit der Nadel gestochen sind. Letztlich benutzt Segers auch feine Kupferstichnadeln mit denen er – in bester Kupferstichmanier – Flächen ausarbeitet.

“Ruinen eines Klosters”
13,8 x 21 cm
Hier zeigt sich die von uns als sehr sympathisch empfundene Idiosynkrasie Segers’: Über den frei erfundenen Ruinen fliegt eine Art Wolke – hier hat er wohl die Konsistenz der Ätzschicht ausprobiert

 

 

Wenn man Segers’ geätzte Linien und Punkte betrachtet, wird deutlich, dass er sehr feine Radiernadeln benutzt (wie es bei den Drucken Klosterruinen und Flusstal mit Wasserfall offensichtlich ist), und das nicht nur, um die Zeichnung zu fertigen sondern auch, den aufgebrachten Ätzgrund zu testen. Andere Drucke zeigen dickere und tiefere Linien, die darauf hinweisen, dass länger geätzt wird, ja eine zweite Ätzung erfolgt. Und wieder andere Drucke haben an ihren Längsseiten lange helle Stellen: hier hat der Künstler dünne Wachs”deiche” errichtet um so die Ätzsäure über der zu ätzenden Fläche zu halten und ihr Auslaufen zu verhindern. Wir werden dieses interessante Prozedere in einem späteren Artikel, der der Italienischen Grafik des Barock gewidmet sein wird, wieder treffen.

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Zusätzlich zu seinen äußerst neuartigen Drucktechniken schlägt Segers über den Gebrauch der Farbe völlig neue Wege ein, indem er jedem einzelnen Abzug Farbe auf die verschiedensten Weisen hinzufügt. Er experimentiert mit dem Druckträger (Papier oder Stoff), den er vorkoloriert, dem Gebrauch verschiedener Druckfarben, und der Applikation von Handkolorierung nach dem Druck.
Segers’ Vorgänger und Druckerkollegen benutzten so gut wie ausschließlich schwarze Druckerfarbe. Segers jedoch probiert verschiedene Farben aus, und der Großteil seiner Radierungen ist in Grün, Blau und Grau abgezogen. Die gleiche Platte, in verschiedenen Farben gedruckt, erzielt einen ganz anderen Effekt. Eines der ganz besonderen Blätter ist Die Ruinen des Klosters von Rijnsburg, in Weiß gedruckt, einer schwierigen Technik mit verblüffendem Effekt.

“Ruinen des Klosters von Rijnsburg”
20 x 31,8 cm
Ätzradierung, gedruckt mit gelb-weißer Farbe auf braun-schwarz gefärbten Papier

 

 

Detail

 

 

 

 

Abgesehen von diesen Experimenten probierte Segers auch den Gebrauch eingefärbter Blätter und den Druck auf Stoff aus. Frühere Radierer hatten schon auf Seide und Satin gedruckt, Sagers jedoch ist der Erste, der auf gröberem Stoff wie Leinen oder Baumwolle arbeitet. Ungefähr 30 seiner Arbeiten sind auf Gewebtem, oft braun oder grau eingefärbt, gedruckt. Diese Abzüge fertigt Segers bevor er mit Kaltnadel arbeitet: die Feinheiten würden verloren gehen.
Und schließlich werden die fertigen Drucke vom Künstler mit Aquarellfarbe koloriert, die Blätter mit gummi arabicum bestrichen, die Ränder begradigt. Hier endet ein Arbeitsprozess der, gelinde gesagt, als arbeitsintensiv bezeichnet werden kann. Aber er beinhaltet eben auch die Essenz des Kupferdruckes, nämlich die immer wieder frische Neugierde nach neuen Herausforderungen und die Lust am Experimentieren. Denn nichts anderes ist diese Kunstform – und Hercules Segers ist einer ihrer wundervollsten Repräsentanten.

Hierzu auch ein kurzes Interview mit Werner Herzog über seine Installation über Segers bei der Withney Biennale 2012 sowie ein kurzer Clip von Herzogs Installation.

http://www.youtube.com/watch?v=ayJPnh0P6fI

http://www.youtube.com/watch?v=44w9EhRPoXA

 

 

 

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