Ludwig von Siegen – Erfinder der Schabtechnik

 

 

 

 

 

 

Siegen und seine Idee

Seit dem Aufkommen des Kupferstiches um 1420, dessen Urheberschaft uns völlig unbekannt ist, und Daniel Hopfers Erfindung der Ätzradierung (ca. 1490) war die grafische Darstellung, genauer: der Tiefdruck, an das Konzept der Zeichnung, der Linie gebunden: man grub mit scharfem Werkzeug Linien in die Druckplatte aus Kupfer, oder ätzte sie in sie hinein, schraffierte oder kratzte vielleicht, um Tonalität zu erzeugen.
Ein Bild ohne Zeichnung war zu jener Zeit kaum vorstellbar.
Ludwig von Siegens Erfindung des Mezzotinto – auch “Schwarze Kunst” oder “Schabkunst” genannt – änderte diese Sichtweise vollkommen. Sein neues Verfahren drehte alles Bisherige ins Gegenteil.

 

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Siegen’s Grundidee ist die einer gleichmäßig aufgerauten Druckplatte aus Kupfer als Ausgangsfläche. Auf dieser gerasterten oder gepunkteten Fläche werden durch Glätten der Erhebungen und Vertiefungen durch ein Schabeisen Flächen erzeugt, die keine Farbe aufnehmen können. Das Bild wird somit in subtraktiver Vorgehensweise aus dem Dunkel der Grundfläche ins Helle hinein gearbeitet.
Wir werden später präziser auf diesen Prozess des Aufrauens bzw. Rasterns zu sprechen kommen. Nur so viel: diese Prozedur ist mühsam, eher schwierig und sehr zeitaufwendig.

Bild ohne Zeichnung!

1642 erfand von Siegen, der Künstler-Soldat, erwähntes Raster für die Bilddarstellung und zugleich die erste Drucktechnik, mit der Halbtonwerte erzeugt werden konnten: ein wahrer Durchbruch.
Das verblüffende Ergebnis befremdete die Kunsttheoretiker und begeisterte die Sammler. Anstrengungen anderer Schabkünstler erzeugten bald Effekte, welche mit den bisher bekannten Techniken der Druckgraphik nicht zu erzielen waren. Kein Kupferstich war in der Lage, das satte Schwarz und die Chiaroscuro-Kontraste eines Mezzotintodrucks zu erreichen. Keine Technik konnte Gemälde überzeugender kopieren, denn die Halbtonschritte des Mezzotinto ähneln sehr dem Arbeiten mit den Tonwerten in der Malerei oder der Zeichnung.

(Sicher kann man auch die in einem späteren Artikel erklärte Aquatintatechnik für Schabkunst benutzen, allein jedoch das der Kaltnadeltechnik sehr nahe Mezzotinto kreiert Vertiefungen im Kupfer, die erheblich mehr Mengen an Farbe halten als es einem Aquatinta möglich wäre. Das zwar nur nebenbei, aber sehr wichtig.)

Close up

„Ludwig von Siegens Erfindung ist verbunden mit der Erkenntnis, dass Linien und homogen erscheinende Flächen aus einer Vielzahl kleinster Punkte bestehen, also durch Raster aufgelöst sind. Dieses Denken wird auch im Bereich der Naturwissenschaft und Philosophie des 17ten Jahrhunderts durch Wissenschaftler und Intellektuelle wie Johannes Kepler, René Descartes, Robert Boyle, Robert Hooke und durch Künstler wie Abraham Bosse entwickelt. Ausgangspunkt für die Gedanken dieser Forscher waren Beobachtungen an Mikrostrukturen von Oberflächen, die durch die Entwicklung verbesserter Mikroskope seit dem frühen 17ten Jahrhundert möglich waren.

 

 

 

 

 

 

 

Das Wissen um die Zerklüftung und Zerrissenheit scheinbar glatter Flächen, die Beobachtung, dass Linien und Punkte aus Millionen kleinster Pünktchen bestehen, hatte Auswirkungen auf die Wahrnehmungstheorie jener Zeit. Die Erfindung des Mezzotintos als erster Rasterdrucktechnik bedeutete dabei eine praktische Umsetzung der von Theoretikern in verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaften und Philosophie in dieser Zeit propagierten Erkenntnis, dass die Vorstellung einer geschlossenen Fläche und die Stimmigkeit einer Linie eine Illusion ist.“
F. Schwartz

Lebenslauf

Ludwig von Siegen wird 1609 in Utrecht geboren. Seine Eltern, deutsche Protestanten, gehören dem niederen Adel an. Er ist 9 Jahre alt, als der „Dreißigjährige Krieg“ beginnt. Von Siegen ergreift eine militärische Laufbahn, die er, mit diversen Unterbrechungen (Konversion, Studium in Kassel, verschiedene Reisen, 1637-1641 Anstellung als Kammerjunker und Zeichenlehrer von Wilhelm von Hessen, dem Sohn der Prinzessin Amalia Elisabetha, Aufenthalt in Mainz, Rom, Wien etc.) bis 1653 verfolgen wird. Im Jahre 1642 fertigt er seine erste Schabkunstzeichnung an, ein Portrait eben jener Prinzessin Amalia.

Amelia Elizabeth, Landgräfin von Hessen-Kassel
1642
Druckplatte 41 x 34 cm

“Es gibt wohl keinen einzigen Radierer, oder Künstler jedweder Gattung, dem diese neue Fasson bekannt wäre, wie Eure Hoheit wissen, denn alleine drei Methoden sind anerkannt in der Radierkunst: 1, die des Kupferstechers oder Kupferschneiders, 2, mit Ätzsäure zu arbeiten, 3, eine wenig benutzte Methode, bestehend aus kleinen Punkten, die jedoch schwirig ist und so anstrengend, dass sie nur selten ausgeführt. Meine Methode ist jedoch eine vollkommen andere, denn man sieht nur Punkte und keine einzige Linie; und wenn es so scheint, als sei meine Arbeit teils gehacket, so sind es doch nur Punkte.”

Von Siegen an Wilhelm VI.

 

Amelia Elisabeth
Detail

Neben Kaltnadel und Roulette hat von Siegen hier offensichtlich ein Mezzotint-Messer benutzt.

 

 

 

 

 

Um 1643 tritt er wieder in den militärischen Dienst und unterbricht seine künstlerische Arbeit für zehn Jahre. Erst ab 1653 sticht von Siegen wieder mit seinem neuen Druck-verfahren hervor. Er hat zu jener Zeit die Stellung eines Obristwachtmeisters am Hofe des Mainzer Kurfürsten Johann Philipp von Schönborn inne. Dort gibt er seine Kenntnisse dieser so genannten „ars nova“ an verschiedene adlige Dilettanten und Berufskünstler weiter. Eine edle Clique von Interessierten bildet sich, unter anderem mit Rupert von der Pfalz als Gönner; ein Grüppchen von Laien, das beachtliche Grafiken anfertigt. Die Technik spricht sich herum. Letztlich wird es der so talentierte wie verschlagene Niederländer Wallerant Vaillant sein, der von Siegens Erfindung auf ein professionelles Niveau hebt.

Wallerant Vaillant
Isabella Clara Eugenia, Infantin von Spanien

24 x 21 cm
ca. 1660

Vaillant, der wohl erste professionelle Mezzotint-Künstler, der von Prinz Rupert engagiert wurde und mit dem er die neue Technik perfektionierte, schuf knapp 200 Mezzotint-Drucke.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ludwig von Siegen gibt zwischen 1653 und 1658 sein bis dahin streng gehütetes Geheimnis zur Mezzotintotechnik letztendlich also doch weiter. Er stirbt nach 1676, wahrscheinlich 1680.

Verbreitung des Mezzotint

Der Kreis der Mezzotint-Insider vergrößert sich. Allen dieser neuen Technik zugeneigten Künstlern ist gemein, dass sie gebrochene, vom Krieg traumatisierte Lebensläufe haben. Dem des Simplicissimus sehr ähnelnden Charaktere der Oberschicht, gleichfalls geprägt „durch häufige Ortswechsel, Exil, Gefangenschaft, Versuche, an verschiedenen Höfen Karriere zu machen“, wie Schwartz es ausdrückt, um weiter zu führen: „Einige betätigten sich wie Prinz Rupert (…) als Alchemisten.“ Ein bunter Verein von zaubernden Kriegsgeschädigten mit guter Erziehung.

Prinz Rupert
“Der große Henker”, 1658
90 x 45 cm

nach Jusepe de Ribera

Prinz Rupert, dessen Biographie natürlicherweise besser als andere dokumentiert ist, versuchte sich als Feldherr, Admiral und Söldnerführer in verschiedenen Kriegen, er befehligte Kriegsschiffe, meist im Dienst der englischen Royalisten, trieb sein Unwesen als Piratenkapitän im Kanal und vor den Westindischen Inseln und gründete auf eigene Faust eine Kolonialgesellschaft, die Hudson Bay Company, welche die einheimische Bevölkerung in Kanada grausam ausbeutete. Als Alchimist erfand Rupert das so genannte Prinzenmetall und nicht zuletzt fertigte er Mezzotintodrucke von brillanter Qualität nach alten Meistern, die erheblich dazu beitrugen, dass die Schabkunst nach England kam und dort im 18. Jahrhundert zur größten Blüte gelangte.

England

Politische Umwälzungen beschleunigen die Verbreitung des Mezzotinto in England. 1660 wird die Monarchie wieder eingesetzt, die Thronbesteigung von Karl II. führt französische Einflüsse an den englischen Hof und darf als Reaktion gegen die puritanische Unter-drückung gewertet werden. Ein Bürgertum entwickelt sich, und es sind diese Bürger, die ein zunehmend aktiver Grafikmarkt bedient. Künstler genießen königliche Patronage, wohlhabende Kaufleute bestellen ihr Portrait. Prinz Rupert, Verteidiger der Krone und Cousin des Königs, wird an den Hof geladen und hat sein Wissen über die neue Technik im Gepäck. Einer der aktivsten Sammler und guter Kenner von Grafik ist John Evelyn. Seine Eindrücke des Mezzotint-Verfahrens hier im Original:

“It is likewise to be acknowledged, that his Highness (Rupert) did indulge me the liberty of publishing the whole manner and address of this new way of engraving, with a freedom perfectly generous and obliging. But, when I had well considered it (so much having been already expressed, which may suffice to give the hint to all ingenious persons how it is to be performed,) I did not think it necessairy, that an Art so curious, and (as yet) so little vulgar (and which indeed does not succeed where the workman is not an accomplished Designer, and has a competent talent in Painting likewise) was to be prostituted at so cheap a rate, as the more naked describing of it here would too soon have exposed it to.
Upon these considerations then it is, that we leave it thus enigmatical: and yet that this may appear no disingenuous rodontomade in me, or indivious excuse, I profess myself to be almost ready (sub sigillo, and by his Highness’ permission) to gratify any curious and worthy person, with as full and perfect a demonstration of the entire art, as my talent and address will reach to; if what I am now preparing to be reserved in the archives of the ROYAL SOCIETY concerning it, be not sufficiently instructive.”

Evelyn’s Note an die königlische Gesellschaft kommt – wohl auf des Prinzen Einspruch – dort nie an und ist inzwischen verschwunden. Nichtsdestotrotz spricht die Sache sich herum. Sowohl Rupert als auch Vaillant tragen im Folgenden dazu bei, den Prinzen als Erfinder der Technik darzustellen, und es ist de Laborde zu verdanken, der von Siegens Brief an den Landgrafen entdecken und ihn 1839 in seiner Histoire de la Gravure en Manière Noire (Geschichte der Schabkunst) veröffentlichen wird, dass der wahre Erfinder uns bekannt ist.

R. Robinson
“Vanitas”, ca. 1688
25 x 21 cm
Nach einem Original von Pieter Schenck

Die Vergänglichkeit alles Irdischen: “Es ist alles eitel” – Buch Kohelet. Vanitas-Motive zeigen, dass der Mensch keine Gewalt über das Leben hat. Sie stellen dar, was abwesend ist – diese Absenz in der Präsenz ist das Paradoxon schlechthin, das in der neuzeitlichen Kunstgeschichte immer wieder aufgegriffen wird. Mit dem Aufstreben der Vanitas seit der frühen Renaissance wird ein Konflikt zwischen Mittelalter und Neuzeit – der Zweispalt zwischen menschlicher Demut und menschlichem Selbstbewusstsein – auf die Spitze getrieben.
 

Französisches Intermezzo

Wir werden in einem eigenen Artikel auf die von Jacob Christoph le Blon erfundene Technik des farbigen Mezzotinto zu sprechen kommen, denn seine Weiterentwicklung von Siegens Technik ist wahrhaftig ein Kapitel für sich. Hier nur ein paar kurze Worte, um unserer Darstellung der Schabtechnik die ihr zukommende Gesamtheit zu verleihen.
Le Blon, ein Deutscher, lässt sich 1735 in Paris nieder und erhält – dank seiner ganz besonderen Farbtechnik – ein so genanntes privilège du Roi, was ihm Aufträge sichert.
Die Geschäftsgründung gestaltet sich als schwierig, da le Blon keine geeigneten Gehilfen finden kann (Mezzotinto hat zu jener Zeit in Frankreich nicht den Ruhm, den es in England besitzt), er sie vielmehr selbst anlernen muss. Unter diesen Lehrlingen befindet sich ein gewisser Jacques Fabien Gautier-Dagoty, seinerseits aus einer Kupferstecherfamilie. 1738 bekommt le Blon den Auftrag, eine Serie von anatomischen Drucken anzufertigen. Gerade sind die Arbeiten zum ersten Druck begonnen, als der Gute das Zeitliche segnet. Gautier springt sofort ein und bewirbt sich um ein Patent über 30 Jahre für le Blon’s Farbtechnik. Er behauptet frech, diese Erfindung selbst gemacht zu haben, was der Wahrheit nicht entspricht. Ein recht schmutziger Rechtsstreit folgt, in dem Gautier schließlich zwar unterliegt, sich das Privilège jedoch kaufen kann.
Bis auf wenige Ausnahmen sind Gaultier’s Platten ohne Feinheit, aber er etabliert die Kunst des 4-Platten-Druckes in der Mezzotinto-Technik in Frankreich.

 

Jacques Fabien Gautier-Dagoty
“Zwei Ansichten eines Schädels”, 1746
48 x 40 cm

 

 

 

 

 

 

Zurück in England

London bleibt das Zentrum für Mezzotint. Das Medium ist jedoch immer noch auf das Strengste den Insidern vorbehalten, Geheimnis, welches die Verkäufe anheizt. Namen wie Richard Tompson, John Overton oder Robert Walton ziehen Grafik-Interessierte an und unterstreichen den Ruf der Stadt als Mezzotint-Metropole. Das Verfahren wird inzwischen auch la manière anglaise (das englische Verfahren) genannt. Prinz Rupert hat sich längst zurückgezogen und verfolgt seine Alchemie, 1682 stirbt er.
Neue Namen tauchen auf: Gottfried Kniller, Isaak Beckett, John Smith, John Simon und – nicht zuletzt – George White führen die Schabkunst in immer neue Höhen.
White, Sohn eines berühmten Kupferstechers, nimmt der Idee der Linie wieder auf und konzipiert seine Platten, indem er die Silhouetten ätzt um danach erst das Wiegemesser anzuwenden. Es könnte sogar sein, dass er es ist, der die Aquatinta-technik (siehe Artikel), lange vor ihrem eigentlichen Erfinder, Jean Baptiste Le Prince, angewandt haben könnte.

George White
“Sir Charles Wager”, 1726
40 x 28 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Christopher Wren
“Haupt eines Mohren”, ca. 1662
18 x 12 cm

Auch so ein “Mann mit Eigenschaften”: geboren 1632 in East-Knoyle, Wiltshire, studierte Wren in Oxford, wurde Lehrer der Astronomie, war Mitbegründer der Royal Society, reiste nach Frankreich, baute London nach dem “großen Brand” (inkl. Saint-Paul’s) neu auf, konstruierte den ersten Regenmesser (sic), erfand die Injektion, dachte über Mikrokosmos und Makrokosmos nach, wurde Freimaurer, lehnte Denkmäler ab, liebte Männer und starb 1723 in Hampton Court, das er erbaut hatte.

 

 

 Warum England?

Carol Wax – deren Referenzbuch wir in diesem Artikel ausführlich zu Hilfe genommen haben – sieht die Gründe für den enormen Erfolg der Mezzotint-Technik in England sowohl politisch als auch ökonomisch. Druckgrafik, schreibt sie, hing immer schon mit der “Vermarktbarkeit” von Multiplen zusammen. Dies geschieht in Gesellschaften, die eine gesunde Wirtschaft und eine solvente Mittelschicht besitzen.
Wax argumentiert europaweit: sind – beispielsweise – die Niederlande bis zum Ende des 17ten Jahrhunderts noch eine wohlhabende Nation von Kaufleuten, ändert sich die Situation durch die Angriffe seitens Frankreich erheblich. Zur gleichen Zeit übernimmt England holländische Kolonien und Handelsrouten, eine Art Kooperation entwickelt sich zwischen beiden Ländern, nicht zuletzt durch die Heirat zwischen Wilhelm III. von Oranien und Maria und beider Thronbesteigung 1688. Da jedoch in den folgenden Jahren die Wirtschaft der Niederlande einbricht, dadurch auch die Anzahl seiner Künstler geringer wird, außerdem der Geschmack nach Landschaften dem nach Portraits weicht, gleichzeitig aber in England die Mode der Mezzotintos geradezu explodiert, sind die holländischen Künste und Künstler bald vollkommen passé.
Etwas anders die Situation in Deutschland und in Österreich: sicher gibt es talentierte Künstler in Augsburg, Nürnberg und Wien. Da jedoch der Kontakt mit den englischen Kollegen ausgesprochen rar ist, gibt es dort keine neuen Stimuli, keinen Austausch mit den Entwicklungen auf der Insel. Auch ist Maria Theresia’s extrem anglophobe Attitüde nicht gerade hilfreich: Englisch zu lernen ist strikt verboten.
Was Deutschland anbetrifft: es liegt noch danieder nach einem besonders verlustreichen Krieg, ist aufgespalten in unzählige Kleinfürstentümer die ökonomisch nicht vernetzt sind, hat daher so gut wie keine Mittelschicht, und konzentriert sich sowieso lieber auf Bach’s Geplimper als auf zeitgenössische Grafik. Bilder hat man genug im Kopf.
Frankreich wiederum sieht die neue Technik als “protestantisch” an und als “unfranzösisch”, besitzt eine etablierte Sektion von favorisierten, privilegierten Kupferstechern, die jedem Einfluss Contra bietet und gegen jede Art von Neuerung erfolgreich einschreitet (Manufakturen). Dieses Verhalten hat sich nur wenig geändert.
England bietet unter diesen Umständen den idealen Humus für eine Mezzotint-Industrie. Keine Kriege im eigenen Land, vielmehr neue und bessere Kontakte mit der Welt; frische Märkte, größerer Wohlstand; ökonomischer Individualismus, unterstützt durch Schutzzölle, etc. Hinzu kommt, dass der Kupferstich erst mit großer Verspätung auf die Insel gekommen war, die Strukturen dadurch möglicherweise “offener” waren.

Dies erklärt jedoch noch nicht alles: Mezzotinto trifft wohl einfach den ästhetischen Geschmack der Engländer. Schon damals verrückt nach Portraits berühmter Persönlichkeiten, trifft die Schabkunst, gemischt mit einem gewissen “lugubre”, die Disposition des Inselvolkes, welches – das darf man nicht vergessen – mit “alter” Kunst nur sehr selten in Kontakt gekommen war. Selbst Holbein bringt seine eigenen Assistenten nach London mit – ein Austausch ist nicht vorgesehen, man bleibt distanziert.
Das Publikum ist somit kunsthungrigst. Und gerade das Mezzotinto eröffnet die Möglichkeit, sowohl alte Meister als auch Zeitgenossen bestaunen, sogar erstehen zu können.

 Das goldene Zeitalter

England erfreut sich, zwischen 1714 und 1756, einer Zeit der Prosperität und des Friedens. Inzwischen die reichste Nation der Erde, zu Beginn der industriellen Revolution, wächst im Land eine materialistische, konsumfreudige Gesellschaft heran. Dies ist die Zeit eines William Hogarth, der mit aufmerksamem Auge seine Zeitgenossen beobachtet und deren Gebaren und Spleens abbildet. Hogarth ist übrigens Initiator des ersten Urheberrechts: “Act for the Encouragement of the Arts of Designing, Engraving, Etching, Etc.” von 1735, auch als “Hogarth Act” bekannt.
Mit dem zunehmenden Wohlstand werden auch die Mezzotints größer und teurer. Carol Wax beschreibt in ihrem Buch diese Periode anschaulich. Besonders Valentine Green wird stellvertretend für die allgemeine Mezzotint-Frenzy unter die Lupe genommen. Geboren 1739, kündigt er, sehr zum Kummer seines Vaters, seine Anstellung als Rechtsanwaltsgehilfe um sich der grafischen Kunst zu widmen. 1765 kommt Green, inzwischen ausgebildeter Drucker und Grafiker, nach London. Er ist uns in erster Linie bekannt durch die Schabzeichnungen, die er nach Vorlagen von Sir Joshua Reynolds anfertigt und die zu den begehrtesten jener Zeit gehören. Er wird berühmt, man reißt sich geradezu um ihn.
1788, auf dem Höhepunkt seines Ruhms, engagiert Green sich jedoch in einem Projekt, das katastrophale Konsequenzen für ihn und seine Familie haben wird: Karl Theodor, Kurfürst von Bayern, seinerseits ein recht illustrer Charakter, möchte seine Kunstsammlung dem Europäischen Publikum bekannt machen. Er beauftragt Green, Mezzotints der Gemälde anzufertigen. Green akzeptiert unter der Auflage, dass er Kopien der Drucke selbst vermarkten darf. Er investiert Unsummen in dieses Vorhaben, dessen Kosten nicht zuletzt durch die Anfertigung von Kopien besagter Gemälde und deren Verschiffung nach England, um dort wiederum als Schabarbeiten kopiert zu werden, geradezu explodieren. Wenigstens 72 Skizzen werden tatsächlich angefertigt, daraus entstehen 14 Mezzotint-Drucke, die in London ausgestellt werden – und durchfallen. Erschwerend kommt hinzu, dass durch Napoleon’s Invasion in Deutschland (1798) Karl Theodor’s Gemäldesammlung zerstört wird, der Europäische Kunstmarkt insgesamt einfriert. Green stirbt als bankrotter Mann, von der Familie gibt es kein weiteres Zeichen.

Valentine Green
“A Philosopher Shewing an Experiment on the Airpump”, 1769
54 x 70 cm

 

 

 

 

Milton

John Milton (1608 – 1674), Zeitzeuge eines Jahrhunderts voller Umbrüche, Katastrophen und Neugestaltungen, wird als einer der größten Dichter Englands betrachtet.
Mit “Paradise lost” – “Das verlorene Paradies” schafft er ein Werk, das seinesgleichen sucht: vom Genre her eine episch-religiöse Dichtung, die das Ringen zwischen Himmel und Hölle, Gott und Teufel thematisiert, schreibt Milton – gerade was die Rolle des Teufels anbetrifft – so einfühlsame Zeilen, dass sein Kollege William Blake später sagen wird: “He was a true Poet and of the Devil’s Party without knowing it.” Wir werden in einem späteren Artikel genauer auf “Paradise lost” und seine Wirkung gerade auf Grafiker eingehen, hier konzentrieren wir uns auf die Illustrationen, die der Kupferdrucker John Martin von ihnen anfertigte.

John Martin wird als jüngstes von 13 Kindern 1789 im Norden Englands geboren. Bald stellt man sein künstlerisches Talent fest, er bekommt eine Lehrstelle, zerstreitet sich mit seinem Meister, erfährt die Solidarität seines Vaters, welcher eine neue Ausbildungs-position bei Boniface Busso arrangiert, einem Piemonteser Exilanten. 1806 zieht Busso nach London, Martin kommt mit, arbeitet als Emaille- und Porzellanmaler; nebenbei verkauft er seine Zeichnungen. 1812 stellt er in der Royal Society aus, seine Karriere zieht an. In seinen Gemälden imaginiert er unwahrscheinliche Landschaften, spektakuläre Architektur und apokalyptische Szenerien – mit einem solchen Erfolg, dass das Publikum bei den Ausstellungen, durch Kordeln gezähmt, nur gruppenweise zugelassen ist.

Circa 1825 tritt der Verleger Septimus Prowett auf Martin zu und beauftragt ihn, die Ilustrationen zu einer neuen Auflage des “Paradise lost” anzufertigen. 24 Mezzotint-Blätter sind geplant und werden bis 1827 fertig gestellt. Martin, unzufrieden mit dem Mangel an Kontrolle über die Drucker und die schwankende Qualität ihrer Arbeit, etabliert sein eigenes Top-Atelier, wo er, ungestört, mit den verschiedensten Techniken experimentieren kann. Er kombiniert Mezzotint mit Ätzradierung, probiert neue Pigmente und Einschwärtz-methoden aus und erreicht dadurch einen bisher unbekannten Reichtum an Tonalitäten. Sein Ruhm wird ihm zum Verhängnis: zu viele ungenehmigte Kopien seiner Arbeiten, insbesondere aus Frankreich, senken die Preise. Auch gerät sein Stil aus der Mode.
1848 – sein Augenlicht schwindet zunehmend – schließt Martin seine Druckwerkstatt, bezieht ein kleineres Haus und nimmt Abschied von der Welt der Grafiker.

John Martin
“Die Erschaffung des Lichtes”
Aus John Milton’s “Paradise Lost”, 1824
30 x 39 cm

 

 

 

 

 

Als letzten Vertreter des Mezzotint in unserer Beschreibung der Geschichte dieses interessanten Mediums und ihrer Heroen, möchten wir auf Samuel Cousins zu sprechen kommen. Auch so ein Wunderkind, geboren 1801 in Exeter als ältestes von neun Kindern, wird sein Talent entdeckt als er 12 Jahre alt ist: eine seiner Bleistiftzeichnungen wird von einem gewissen Captain T. M. Bagnold entdeckt, gekauft, von ihm der Royal Society vorgestellt und gewinnt dort Silber. Bald wird S. W. Reynolds auf Cousins aufmerksam, offeriert dem Vater, Samuel in Lehre zu nehmen, und 1814 zieht der Junge nach London, seine sieben-jährige Ausbildung zu beginnen. Er lebt sein Talent aus, hilft Reynolds bei dessen Karriere, was Cousins jedoch lange verschweigt. Die Lehre beendet, bietet ihm Reynolds an, bei einem jährliches Salaire von 250 Pfund – eine nicht gerade unerkleckliche Summe – weitere vier Jahre bei ihm zu bleiben. Cousins würde viel lieber unabhängig arbeiten, sagt aber letztendlich zu. Das mit dieser Einwilligung verbundene Agreement – nämlich, dass Cousins Name explizit als Mitarbeiter auf den Blättern erscheint – wird von Reynolds immer wieder gebrochen, was zu üblen Disagreements führt.

1826 ist Cousins endlich frei. Er arbeitet als Miniaturist, lebt so dahin, bis sein alter Gönner, Sir Thomas Acland – ein offensichtlich äußerst freundlicher und liebevoller und hilfsbereiter Mensch – ihm vorschlägt, ein Portrait von Lady Acland und ihren beiden Söhne im Mezzotint-Verfahren zu schaben: Cousins’ Durchbruch und Fehler. Denn nunmehr arbeitet er zwar erfolgreich für renommierte Künstler, ist aber gleichzeitig deprimiert, nicht die Arbeiten zu unterstützen, die ihm persönlich lieb wären, deren Ausführung in der Schabtechnik ihm wirklich am Herzen lägen, deren künstlerischen Wert er längst erkannt hat. Wir können dieses Dilemma nachvollziehen und wundern uns, wie Cousins das ausgehalten hat.
1876 ändert sich diese unangenehme Situation plötzlich: Gainsborough’s Gemälde “The Duchess of Devonshire” wird bei Christie’s versteigert. Cousins überzeugt den Verleger Agnew, das Bild zu erstehen, damit er eine Grafik davon anfertigen könne. Agnew investiert in der Tat 10.000 Pfund (und wir möchten hier anfügen, dass dieser Preis dem heutigen Kunstmarkt nicht unähnlich ist), stellt Cousins 1500 Guniees in Aussicht, die Platte zu erarbeiten, schiebt die Werbekampagne an, verkauft Subskriptionen, Bond Street – Zentrum der Kunsthändler – wird aktiviert, Agnew tut seine Arbeit, diesem Unternehmen zum Erfolg zu verhelfen, denn der Erfolg ist so gut wie in der Tasche, man feiert, alles scheint gut. Allein: das Gemälde wird gestohlen, der Deal bricht in sich zusammen.

Nicht, dass das eine außergewöhnliche Erscheinung gewesen sein mag – in London wird zu jener Zeit so gut wie alles geklaut und verschoben; Cousins wird, muss sich dessen bewusst gewesen sein. Aber solche Verluste lassen ihn sehr am Mitmenschen zweifeln, hat er doch, Künstler, all’ sein Herzblut in diese Arbeit einfließen lassen, meint er doch, dass diese, dem Menschen zugetane Liebesarbeit, gut für Alle sei, daher er ja jenseits jeder billigen, rein merkantil-infantilosenilen Lebensentwürfe steht – und nunmehr dies!
Cousins’ Lebensachterbahnfahrt ist zu diesem Zeitpunkt keineswegs zu Ende: er erhält den Auftrag, ein Portrait von Papst Pius VII. anzufertigen. Nach wochenlanger Arbeit wird die Platte einem inkompetenten Drucker anvertraut, der diese zerstört. Als Cousins dies Lawrence berichtet, bricht er in Tränen aus. Man mag die weiteren kleinen oder größeren Unglücke in Cousins’ Leben gar nicht wiederzugeben, zu absurd sind sie. Aber dann auch immer wieder Höhepunkte, Momente des größten Erfolges: es scheint manchmal, als färbten die große Schwierigkeit der Kunst der Grafik und ihre Überwindung auf ihre Créateurs ab in Form einer Juxtaposition von widrigen Umständen und fabulösen Höhepunkten. Beispielsweise der Auftrag an Cousins, Kaiser Napoléon III. und seine Gattin, Eugénie, zu verewigen: nicht nur, dass ihm diese Platten 1000 Pfund einbringen, Cousins wird auch Mitglied der Ehrenlegion, bekommt dazu noch eine Goldmedaille als bester Graveur Étranger (ausländischer Stecher). Auch diese positive Liste lässt sich erheblich verlängern.
Mitte der 1860er Jahre gerät Cousins’ Stil aus der Mode, zehn Jahre später stoppt er jede grafische Arbeit. Zwar drängt man ihn, weitere Platten zu fertigen, aber Cousins ist ermattet. Sein letztes Mezzotint wird ein Selbstportait sein. Es zeigt den inzwischen 83-jährigen an seinem Arbeitsplatz, die notwendigen Utensilien um ihn herum, einen kleinen Fächer, Sonnenlicht abzuhalten, in seiner Linken, das Schabeisen in seiner Rechten, die anderen Instrumente griffbereit. 1887 stirbt Cousins.

Samuel Cousins
“Samuel Cousins”
Mezzotint, 1884
45 x 40 cm

 

 

 

 

 

 

Der “Untergang”

Um 1875 verliert die Technik des Mezzotint langsam an Einfluss. Neue Verfahren übernehmen das Prinzip der Reproduzierbarkeit, vor allem die Lithographie. 1798 von Alois Senefelder, einem Bayern, erfunden, schwappt diese Flachdruck-Technik bald über den gesamten Kontinent. Billiger, schneller und erheblich vervielfaltbarer, erobert der Steindruck die Domänen des Tiefdruckes.
Hinzu kommt die Erfindung der Fotografie, mit ihr die Entwicklung der Heliogravüre, dem endgültigen Todesstoß des kommerziellen Mezzotint. Ende des 19ten Jahrhunderts scheint von Siegens’ Erfindung obsolet.

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