Über die vielfältigen Vorzüge der Heliogravüre

 

 

 

Cy DeCosse
Queen of the Night
1999
22 x 17,2 cm
courtesy Mark Katzman

 

 

Diese kurze Beschreibung der aufwendigen und anspruchsvollen Tiefdrucktechnik der Heliogravüre soll einen groben theoretischen Einblick vermitteln und kann unmöglich die Erfahrung ersetzen, die man bei der praktischen Arbeit gewinnt. Es geht hier darum, dem Interessierten einen Überblick der Möglichkeiten zu geben, die diese aufregende Technik erlaubt.

Einleitung

Während meiner gelegentlichen „Einführungen in den Tiefdruck“ in der 55 limited-Werkstatt sind die Besucher immer wieder beeindruckt von der Anzahl von Arbeitsschritten, die schon ein ganz einfacher Druck – beispielsweise eine Strichätzung – erfordert. Ich werde diese grundsätzlichen Schritte später schildern, wenn ich auf die Erarbeitung einer Heliogravüre zu sprechen komme, möchte jedoch hier schon erwähnen, dass der Tiefdruck grundsätzlich konzeptioneller Natur ist. Denn es geht darum, von Anfang an genau zu wissen, welche Größe das Werk haben wird, welche Techniken man anwenden möchte; es geht darum, durchwegs das erwünschte Resultat vor dem inneren Auge zu haben und in die Planung einzubeziehen.

Der Tiefdruck an sich stellt eine der schwierigeren Disziplinen der Druckgraphik dar. Das Blatt Papier oder die Leinwand ist hier ein teures Stück Kupfer, einen Radiergummi gibt es (eigentlich) nicht, und jede Spontaneität wird immer wieder durch die Dauer der Bearbeitung der Kupferplatte oder der Ätzung eben dieser gehemmt bzw. verzögert. Zeit spielt bei dieser Kunstform eine wichtige Rolle, genauer gesagt: die Bereitschaft, sich auf diese Zeit einzulassen. Die Dauer von Entwicklungen zu akzeptieren ist für den Erfolg maßgeblich, Geduld ist hier in der Tat eine Tugend. Kurz: Frustrationstoleranz gehört zum Tiefdruck wie Einfühlungsvermögen, Kraft und Geschick – Tiefdruck ist, um eine Aussage des Künstlers Wols zu interpretieren, wahre Kunst des Zeichnens in Verbindung mit Handwerk. Kürzer: Tiefdruck ist eine Herausforderung. Das alles gilt doppelt und dreifach für die Heliogravüre.

 

 

 

 

Peter Th. Mayer
Papaver polymorphus odoratum
2012
32 x 25 cm

 

Die Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten beim Tiefdruck wachsen erheblich mit der Experimentierlust und der daraus resultierenden Erfahrung des Künstlers. Es geht zwar grundsätzlich immer darum, Vertiefungen in die Kupferplatte zu bringen, die, gefüllt mit Farbe und durch die Presse gezogen, auf dem Papier ihren Abdruck hinterlassen; die Möglichkeiten, diese Vertiefungen zu erzeugen sind aber extrem mannigfaltig.

Das kann mit oder ohne Ätzsäure geschehen, war jedoch – bis zur Erfindung der Heliogravüre – durchwegs ein zeichnerisches, rein manuelles Herangehen. Die verschiedenen Tiefdrucktechniken werden übrigens jede für sich auf diesem Portal erklärt – sie alle zu beherrschen ist für die Herstellung einer Heliogravüre zwar nicht unbedingt notwendig, erweitert jedoch die Ausdrucksmöglichkeiten und das Verständnis dieser hier vorgestellten Technik ungemein.

Die Heliogravüre

So genanntes Edeldruckverfahren, ist die Heliogravüre (nicht zu verwechseln mit ihrer Vorgängerin, der Heliografie) ein fotografisches Tiefdruckverfahren: es findet eine Belichtung statt. Sinn und Zweck dieses Verfahrens ist die Herstellung von Halbtönen, d.h. die Möglichkeit, Tonabstufungen vom tiefsten Schwarz zum hellsten Weiß, bzw. vom hellsten Farbton zum dunkelsten zu schaffen – allein der Tiefdruck bietet diese Möglichkeit. (Ich darf in diesem Zusammenhang übrigens auf meinen Artikel über die Schabkunst bzw. den Mezzotint hinweisen, bei der gleichfalls Tonabstufungen, hier jedoch durch mehr oder weniger großen Druck des Polierstahles auf die aufgeraute Kupferplatte – also zeichnerisch – hergestellt werden. Bei der Heliogravüre werden diese Tonalitäten jedoch vollkommen anders erzeugt.)

Diese Möglichkeiten des Tiefdruckes resultieren in einer Eleganz des Blattes und einem Reichtum der Farbkraft, die allein die Heliogravüre zu erschaffen vermag.

 

 

Lothar Osterburg
First Flight Across the Hudson
2005
22 x 28 cm
courtesy Lothar Osterburg / Mark Katzman

 

Hinzu kommt, dass man eine Heliogravüre weiter bearbeiten kann: die Abbildung befindet sich ja auf einer Kupferplatte, man kann also alle üblichen Techniken anwenden – Schabkunst, Roulette oder Kaltnadel und dergl. mehr. Nicht zuletzt hat der Künstler weiteren Einfluss in seiner Wahl der Farbe und des Papiers. Diese Technik muss also jeden wagemutigen und experimentierfreudigen Künstler ansprechen. Zaghaftigkeit und Routine haben hier nichts zu suchen.

Der Film

Das Motiv, das man auf die Kupferplatte bringen möchte, ist als originalgroßes Diapositiv vorhanden, d.h. ein Positiv bzw. mehrere Positive wurden hergestellt. Dieser Punkt lohnt genauere Betrachtung, denn er ist meines Erachtens zu wenig bzw. gar nicht bekannt. Seien es Tuschezeichnungen, Gouachen, Collagen, Ölbilder – sie existieren nur als Unikate. Das mag manchem Künstler recht sein, manch’ anderer jedoch grämt sich darüber, von seinen Arbeiten keine Multiplen anfertigen zu können. Neben der besonders schönen Tonalität einer gelungenen Heliogravüre ist es die Reproduzierbarkeit jedweden Motivs, die den Charme dieser Technik ausmacht. Das Einfachste ist eine in Grautönen gehaltene Heliogravüre von beispielsweise einer Tuschezeichnung. Aber es gibt sehr wohl die Möglichkeit, das farbige Original in seine Grundfarben zu trennen, d.h. vier Filme in den Grundfarben Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz herzustellen. Mit diesen vier Filmen werden vier Kupferplatten angefertigt, die sich, passgenau übereinander gedruckt, zum Original zusammenfügen und sein gesamtes Farbspektrum wiedergeben. Nicht umsonst spricht man von der Heliogravüre als Königisdisziplin aller Tiefdruckverfahren.

 

 

 

 

Josephine Sacabo
Susana y la Muerte
2003
22,5 x 17,5 cm
courtesy Mark Katzman

 

Dieses Positiv bzw. diese Positive kann man zudem bearbeiten: man kann dunkle Stellen aufhellen oder abdunkeln, helle aufhellen oder abdunkeln, man kann kratzen, zeichnen, schaben, aquarellieren etc. Ich habe schon direkt auf Film (Mylar) gezeichnet und gemalt und interessante Ergebnisse erzielt, d.h. direkt ein Positiv erstellt, das ohne Probleme auf die Kupferplatte gebracht werden konnte: Die Möglichkeiten sind unendlich.

Die Aquatinta

Nach dem gewohnheitsmäßigen Vorbereiten der Kupferplatte (facettieren, polieren, entfetten), wird diese mit einer so genannten Aquatinta beschichtet. Üblicherweise Kolophonium- (Baumharz) oder Asphaltpulver, wird die Platte im Aquatintakasten eingestäubt und das Pulver anschließend durch Erhitzen an die Platte angeschmolzen; durch diese Körnung entsteht eine Art Raster. Die Aquatinta ist notwendig, später die Farbe im Metall zu halten (Vertiefung). Hier hat der Künstler eine weitere Möglichkeit, das Resultat zu beeinflussen, denn je feiner diese Aquatinta ist, desto feiner wird letztlich die Grafik; bevorzugt er jedoch eine „rustikalere“ Qualität seiner Arbeit, wird er dementsprechend eine andere Herangehensweise wählen. Das im Aquatintakasten befindliche Pulver wird vor dem Einlegen der Platte kräftig aufgewühlt – ein kleiner Orkan von Pulverpartikeln entsteht. Diese Partikel sind von unterschiedlicher Größe bzw. Gewicht: die größeren sinken schneller zu Boden als die kleinen. Legt der Künstler also die Platte bald nach dem Aufwirbeln in den Kasten, kann er davon ausgehen, dass auch größere Partikel auf ihr landen und so eine gröbere, unregelmäßigere  Beschichtung erfolgt. Wartet er mit dem Einlegen, sind die groben Partikel schon zu Boden gesunken, und er erhält dementsprechend eine feinere Aquatinta. Wichtig ist allemal, dass die richtige Menge Pulver auf der Platte zu liegen kommt, denn sonst wird die Aquatinta unbrauchbar. Auch das daraufhin folgende Anschmelzen birgt seine Tücken – wird die Platte beispielsweise zu sehr erhitzt, zerfließt das Pulver und bildet eine dünne geschlossene Schicht, durch die die Säure nicht dringen kann. Dies alles abzuschätzen und den richtigen Zeitpunkt und die richtige Dauer zu kombinieren verlangt Erfahrung – eine gute Aquatinta zu „legen“ ist kein Kindergeburtstag. Noch ist jedoch nichts definitiv: geht die Aquatinta daneben, wäscht man die Platte ab und wiederholt die Arbeitsschritte.

Es gibt inzwischen Alternativen zu diesem doch eher schwierigen und aufwendigen Prozess: beispielsweise ein Stück Plastikfolie, auf die das Aquatinta schon vorgedruckt ist. Man legt es bei der folgenden Belichtung über das Pigmentpapier, justiert die Belichtungszeit, und hat das „Korn“ ohne weitere Mühe.

Die Belichtung

Um das Motiv auf die mit der Aquatinta vorbereitete Platte zu bringen, benötigt man einen Träger, eine lichtempfindliche Schicht. Dieses so genannte Pigmentpapier gibt es in verschiedenen Qualitäten, es ist jedoch immer ein Chromgelatine-Papier, das mit einer Kalium- oder Ammoniumdichromatlösung lichtempfindlich gemacht (sensibilisiert) wurde. Diese Lösungen sind krebserregend, es empfiehlt sich also, Schutzkleidung zu tragen.

Gelatine ist ein etwas sonderbares Produkt: Protein und Kollagen (Schweineschwarten), gewonnen durch Hydrolyse, ist dieses Biopolymer so essentiell für die Heliogravüre wie für das Sülzkotelett. Es nimmt Wasser auf und härtet aus, wenn Licht es trifft. Das von uns gebrauchte Papier hat seinerseits einen Träger, Papier, auf das eine Schicht dieser mit rotem Pigment versehenen Gelatine gebracht wurde. Das Ganze ist etwas sperrig und schwer zu beherrschen bzw. zu schneiden, wird aber in der Kaliumlösung zahm. Nach der Sensibilisierung wird dieser Träger auf eine Plastikplatte plan gequetscht, getrocknet und anschließend vorsichtig von der Plastikplatte gelöst. Nunmehr findet die Belichtung statt: Papier und darüber Film werden möglichst plan angeordnet (Vakuumkasten) und mit starkem UV-Licht bestrahlt – das Motiv „frisst“ sich ins Papier bzw. die lichtempfindliche Gelatine.

Und erneut: auch hier gibt es Spielraum für Manipulation – wie lange, wie hart belichte ich? Wedle ich ab? Lege ich nach einer gewissen Zeit etwas über das Papier, um dort die Belichtung zu verzögern? Lasse ich mir irgendetwas einfallen, um die Belichtung überhaupt zu verfremden? Ich wiederhole mich: da das Motiv nicht auf Fotopapier sondern vielmehr auf Kupfer gebracht wird, kann man auch zu diesem Zeitpunkt auf mögliche Nachbearbeitung achten – alle im Tiefdruck gebräuchlichen  Wirkungsmöglichkeiten sind weiterhin möglich: Roulette, Schabkunst, Strichätzung, es gibt hier keinerlei Begrenzung.

Bei der Belichtung kommt zudem der „Graukeil“ ins Spiel: um bei der späteren Entwicklung die Übersicht zu behalten bzw. die Tonalitäten des Motivs so gut als möglich heraus zu kitzeln, empfiehlt es sich, einen gewissen Standart einzuhalten. Dazu legt man neben den eigentlichen Film einen Graukeil, der bei der folgenden Entwicklung nach und nach reagiert und uns eine Orientierung ist, wann wir zu welchem Ätzbad wechseln sollten.

Die Entwicklung

Einen weiteren Höhepunkt einer Heliogravüre-Herstellung stellt ohne Zweifel die Entwicklung bzw. die Ätzung dar. Hier kommt die Säure ins Spiel: Eisen-III-chlorid, ein dunkelbraun-gelbliches, etwas zähes Liquid, ein bisschen wie verdünnter Grafschafter Goldsaft, das reinigungsresistente Flecken verursacht und in verschiedenen Stärken vermarktet wird. Diese Stärken misst man mit einem so genannten Aräometer: ein etwa 30 cm langer, dünner Glasstab mit Skala, der, eingetaucht in ein schlankes Gefäß, die Einheit „Beaumé“ anzeigt, jene Maßeinheit, die für uns relevant ist.

Warum das alles?

Gelatine ist nicht wasserscheu, ganz im Gegenteil: sie saugt Wasser auf. Die hier benutzte Säure – Eisenchlorid – ist, je nach Stärke bzw. Beaumé-Einheit, mehr oder weniger „wässerig“ bzw. hygroskopisch, d.h. sie dringt auf verschiedene Weise oder Geschwindigkeit in die Gelatineschicht ein, ätzt daher auf unterschiedliche Art.

Unser Ansinnen ist es, möglichst alle Tonalitäten des Originals auf das Kupfer zu übertragen. Dazu werden verschiedene Säurebäder vorbereitet. Ob das nun 46° / 44° / 42° Beaumé sind, oder 48° / 45° / 41°, oder welche Mischung auch immer, ob es zwei Bäder sind oder ihrer fünf, Ziel ist es, die Säure auf geeignetste Weise in das Metall einwirken zu lassen. Das Motiv bestimmt diese Lösung, sein Kontrastreichtum, seine allgemeine Beschaffenheit, und nicht zuletzt der erfahrene Künstler.

Die diversen Ätzbäder vorbereitet,  wird die Platte in das erste Bad gesenkt, die Flüssigkeit wird bewegt: sich ablösende Kupferpartikel sollen die Entwicklung nicht behindern. Das alles erinnert an die Arbeit in der Dunkelkammer. Zu einem gewissen Zeitpunkt muss dieses erste Bad abgebrochen werden: bestimmte Schatten haben sich herausgebildet, Linien sind hervorgetreten, kurz: die Ausgewogenheit des gesamten Bildes droht zu kippen. Die Platte wird daher in das nächste Bad gelegt, die Entwicklung somit beeinflusst, mehr Wert auf die Zwischentöne, die erwähnten Halbtöne, gelegt. Die Spannung steigt: wie lange lasse ich die Platte in dieser Säure bevor ich sie in das nächste Bad transportiere, das zuständig ist, die letzten Feinheiten des Positivs zu ätzen? Delikat und sensibel, umsichtig und bewusst – die Ätzung der Kupferplatte in den diversen Säurebädern ist kein Moment für Plaudereien. Um etwas mehr Sicherheit zu gewinnen, empfiehlt sich die Beobachtung des Graukeils, in unserem Fall die „Stouffer“-Skala, ein Graukeil mit 21 Abstufungen von 100 % durchsichtig bis 100 % Schwarz. Diese Skala hilft, den Ätzvorgang genauer im Auge zu behalten. Es ist wichtig, bei dem gesamten Prozess der Heliogravüre, von Anfang bis Ende, darauf zu achten, dass die Umstände wenigstens ähnlich sind: Luftfeuchtigkeit der Räume, Temperatur der verschiedenen Flüssigkeiten, Dauer der Trocknungszeiten, die Richtung des Aufrakelns der Gelatineschicht, etc.

Die fertige Heliogravüre

Wenn wir mit der Ätzung zufrieden sind, nehmen wir die Kupferplatte aus der Säure und waschen sie ab. Sorgfältig, da wir auch das Aquatintakorn entfernen wollen. Da es sich ja letztendlich um eine Aquatinta-Radierung handelt, schwärzen wir die Platte mit einer dafür geeigneten Farbe ein.

Das Papier ist vorbereitet, d.h. gut durchfeuchtet, der Druck der Presse ist ordentlich eingestellt und der Druck kann beginnen.

Links:

http://www.photogravure.com/

http://www.lotharosterburgphotogravure.com/

http://www.renaissancepress.com/

 

 

 

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